Schriftstellerin besucht Tatort

BISCHOFSZELL. Gemeinsam luden Literaria, Bücher zum Turm und die Bibliothek zu einer Lesung mit Hintergrundrecherchen ein. Michèle Minelli stellte ihr Buch vor.

Werner Lenzin
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Michèle Minelli liest aus ihrem Werk «Die Verlorene». (Bild: Werner Lenzin)

Michèle Minelli liest aus ihrem Werk «Die Verlorene». (Bild: Werner Lenzin)

Sie ist zurückgekehrt nach Bischofszell, an den Ort des Geschehens, um eines der dunkelsten Kapitel des Schweizer Strafvollzugs aufzurollen: die Schriftstellerin Michèle Minelli. Von Anfang an gelingt es ihr, die 70 Zuhörer in den Bann zu ziehen. Im Fokus steht die Thurgauerin Frieda Keller (1879 bis 1942), eine verurteilte Mörderin.

«Mach was damit»

«Eines Tages stand ein befreundeter Journalist mit einer Schachtel von Akten vor meiner Tür, mit der Aufforderung, etwas damit zu machen», erzählt die 47jährige Schriftstellerin. Die Schachtel enthielt das Todesurteil, den Lebenslauf und Zeitungsartikel über Frieda Keller, die als junge Frau als Folge einer Vergewaltigung durch den damaligen Pöstliwirt Carl Zimmerli den Knaben Ernstli gebar und diesen fünfjährig im Wald von Tablat umbrachte.

«Bevor ich mit Hilfe der überbrachten Unterlagen und weiteren Akten in den Staatsarchiven der Kantone St. Gallen und Thurgau zu recherchieren begann, reiste ich nach Bischofszell. Ich besichtigte unter anderem auch den Tatort, den Keller, und hörte das Knarren der Holzstiege, wie es einst Frieda Keller auch gehört haben muss», berichtet Minelli.

Beeindruckt von der Hilfe

Auf den Strassen und in den Gassen des Städtchens kontaktierte Michèle Minelli verschiedene Menschen, nahm unten an der Sitter den Geruch des Wassers war, bevor sie die heutige Bewohnerin an der Kirchgasse, wo Frieda Keller als Tochter eines Schuhmachers aufwuchs, aufsuchte. «Mich beeindruckte die Bereitschaft, mir alle Räume zu zeigen», sagt Minelli. Im Verlaufe ihrer Lesung zeichnet sie ein Stimmungsbild des Bischofszells um die Jahrhundertwende, gibt einen Einblick in die Gegend von Sorntal und über die Tätigkeit Frieda Kellers, aber auch über Zimmerlis Handeln.

Michèle Minelli, «Die Verlorene», Roman, 440 Seiten, erschienen im Aufbau-Verlag.