Schimpfis und «Schuh in den Arsch»

Die Angeklagte trägt einen orangen Rock und ein rotes T-Shirt, an dem sie einen Pin mit der Aufschrift «Shit happens» angesteckt hat. Die schrillen Farben wollen so gar nicht zu der zierlichen Frau passen, die sie trägt. Es fällt der Angeklagten schwer zu sprechen.

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Die Angeklagte trägt einen orangen Rock und ein rotes T-Shirt, an dem sie einen Pin mit der Aufschrift «Shit happens» angesteckt hat. Die schrillen Farben wollen so gar nicht zu der zierlichen Frau passen, die sie trägt. Es fällt der Angeklagten schwer zu sprechen. Immer wieder macht sie Pausen, weil ihr die Tränen kommen. «Ich habe meinen Hund über alles geliebt», sagt sie.

Die 27jährige Witwe musste sich gestern vor dem Bezirksgericht Arbon verantworten, weil sie ihre Berner Sennenhündin Xena angeschrien und ihr einen Tritt verpasst hatte. Das geschah vor zwei Jahren. Tatort: Arbon.

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Der Richter fordert die junge Frau auf, den Vorfall von damals zu schildern. «Ich kann mich nicht mehr erinnern», sagt sie. Es sei einfach zu lange her. Sowieso sei es unverständlich, weshalb die Verhandlung erst jetzt stattfinde. «Das ist zwei Jahre her, und mein Hund ist mittlerweile gestorben. Ich musste ihn aus psychischen Gründen einschläfern lassen», erklärt die junge Frau. Weil sie sich nicht erinnern kann, zitiert der Richter die Aussagen der Angeklagten von damals: «Ja, es stimmt, ich habe meinen Hund angeschrien und ihm einen Schuh in den Arsch gegeben.» Wenn man sie dafür belangen wolle, sei das in Ordnung. Es sei eine einmalige Sache gewesen.

«Was lösen diese Aussagen in Ihnen aus?», fragt der Richter. Die Angeklagte wiederholt: «Ich erinnere mich nicht.» Ob sie denn mit dem Hund überfordert gewesen sei? «Es ist ein Unterschied, ob man den Hund treten will oder es tut», antwortet sie. Was sie aber genau damit meint, will sie nicht erläutern. «Die Erinnerung an meinen Hund ist schon schlimm genug.»

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«Haben Sie wieder einen Hund?», fragt der Richter. Die 27-Jährige verneint. «Ein Hund macht viel Arbeit, man muss sich mit ihm beschäftigen. Viele Leute haben Angst vor Hunden», sagt sie. Zudem habe sie gemerkt, dass sie kein Hundetyp sei. Sie hat nun deshalb zwei Katzen. Mit diesen laufe es gut.

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Das Gericht verurteilte die 27-Jährige zu einer Busse von 200 Franken, weil sie die Tierhalterverordnung verletzt hat. Zudem muss sie die Verfahrenskosten tragen. «Auch wenn der Vorfall zwei Jahre zurückliegt, ist er nicht verjährt», erklärt der Richter. Zudem habe er keinen Grund zu glauben, dass die Angeklagte vor zwei Jahren nicht die Wahrheit gesagt habe. Bei dieser Urteilsverkündung bricht die 27-Jährige in Tränen aus. «Wissen Sie», sagt der Richter, «die Busse ist vergleichsweise tief.» Es könne ja mal passieren, dass man die Fassung verliere. «Das haben wir zu Ihren Gunsten verwendet.»

Die Angeklagte beteuert, dass ihr so etwas nie wieder passieren werde. «Das ist schön zu hören», sagt der Richter: «Wir wünschen Ihnen alles Gute mit den Katzen.»

Michèle Vaterlaus