Rosa zitterte am ganzen Körper

Der gebürtige Bischofszeller Ferenc Biedermann hat einen historischen Kriminalroman geschrieben. In «Brandnächte» behandelt er die Feuersbrunst von 1743. Seine These: Die Katastrophe könnte absichtlich herbeigeführt worden sein.

Georg Stelzner
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Ferenc Biedermann, Autor des Romans «Brandnächte», präsentiert vor der Kulisse der Bischofszeller Altstadt sein erstes Buch. (Bild: Andrea Stalder)

Ferenc Biedermann, Autor des Romans «Brandnächte», präsentiert vor der Kulisse der Bischofszeller Altstadt sein erstes Buch. (Bild: Andrea Stalder)

BISCHOFSZELL. Die Geschichte vom verheerenden Stadtbrand gehört in der Rosenstadt zum Allgemeinwissen. Fast jeder kennt sie oder bekommt sie irgendwann einmal erzählt. Die Schuld einer jungen Magd, die durch ihr fahrlässiges Verhalten die Katastrophe ausgelöst haben soll, ist nie ernsthaft in Frage gestellt worden. Das tut jetzt der junge Autor Ferenc Biedermann mit seinem leicht lesbaren, unterhaltsamen Erstlingswerk mit dem Titel «Brandnächte».

Bild hinterlässt Wirkung

Biedermann ist mit dem Stadtbrand von 1743 gewissermassen aufgewachsen. Im Elternhaus gab es einen Stich, der das Ereignis in einer dramatischen Darstellung dokumentiert. «Ich bekam das Bild tagtäglich zu sehen, und seither fasziniert mich diese Geschichte», sagt Biedermann. Auf die Idee, den Stoff zu einem Roman zu verarbeiten, kam er nach der Lektüre des Buches «Der rote Hahn zu Bischofszell», einem Werk des Kunsthistorikers Albert Knoepfli. «Ich merkte dabei, dass es viele Dinge gibt, die in meinen Kopf ungemein starke Bilder auslösen», erklärt Biedermann.

Soziales Gefüge zerbricht

Die Frage, wie Menschen in einer Extremsituation reagieren, wenn das gewohnte soziale Gefüge ihrer Gemeinschaft durch ein schreckliches Ereignis in den Grundfesten erschüttert wird, beschäftigte Biedermann je länger je mehr. Dazu kamen sein historisches Interesse sowie die nach wie vor starke Verbundenheit mit der Stadt Bischofszell. So war es nicht weiter verwunderlich, dass Biedermann begann, sich mit der Thematik eingehender zu beschäftigen. Er las Literatur über ähnliche Ereignisse in der Vergangenheit, und mit der Zeit entstand im Geiste ein Gerüst für sein erstes Buch.

Zeit und Motivation

Biedermann nutzte für seinen Einstieg ins literarische Schaffen vor allem den arbeitsfreien Freitag und die Abendstunden. Er sei in solchen Dingen recht diszipliniert, sagt er über sich selbst. «Ich hatte Zeit und war motiviert.» Er habe das Gefühl gehabt, dass der Zeitpunkt gekommen sei, den Versuch zu wagen. Nach zwei Jahren war er am Ziel. Dass gleich ein Roman entstehen würde, war nicht beabsichtigt. «Es hätte auch eine längere Erzählung werden können» sagt der Autor. Rund 100 Seiten sollte das Werk mindestens umfassen. 170 sind es letztlich geworden. Die Freude darüber ist gross.

Kreativer Ausgleich

Seit 2011 lebt und arbeitet Ferenc Biedermann in Neuenburg. Im Bundesamt für Statistik sind Zahlen seine täglichen Begleiter. Biedermanns Aufgabe ist es, das Zahlenmaterial zu allgemein verständlichen Texten zu verarbeiten. Etwas, das ihm liegt. «Ich habe schon seit meiner Schulzeit Freude an der Sprache, und ich lese auch gern», erzählt Biedermann, der nächsten Montag seinen 36. Geburtstag feiern kann. Im Beruf sei er der Präzision verpflichtet und müsse sich jeglicher Wertung enthalten. Doch Biedermann hat mittlerweile einen Ausweg gefunden.

Als Schriftsteller darf er dieses Korsett abstreifen und seiner Phantasie freien Lauf lassen. «Ich habe mir im Roman auch einige Freiheiten zugestanden», räumt er ein. Allzu strenge historische Massstäbe dürfe man nicht anlegen, betont er und nennt als Beispiel die Verlegung des Stadtbrandes vom Mai in den düsteren Monat November. «Es gefiel mir nicht, die Katastrophe im Wonnemonat anzusiedeln.»

Fatale Verstrickungen

Im Roman stellt Ignaz Muntprat im Auftrag des Bischofs von Konstanz in Bischofszell Nachforschungen an. Der junge Edelmann soll klären, wie es zum Stadtbrand gekommen ist. Im Verdacht, die Katastrophe verschuldet zu haben, steht eine Magd namens Rosa. Sie habe verbotenerweise zu Hause Wäsche gekocht und sei dabei unvorsichtig gewesen, lautet der Vorwurf. Die junge Frau ist nicht mehr auf freiem Fuss. Doch wird sie auch zu Recht beschuldigt?

An dieser Stelle hakt der Autor ein. Er entwickelt eine eigene Theorie und lässt seinen Protagonisten an der Schuld der Magd zweifeln. Im Zuge seiner Untersuchungen manövriert sich Muntprat aber selber in eine missliche Situation, als er Gefühle für die Magd entwickelt und am Ende gar kein Interesse mehr an einer Lösung des Falles hat. «Das Problem wird nicht gelöst», sagt Biedermann. «Der Leser kann sich selber ein Urteil bilden – kein juristisches, aber zumindest ein moralisches.»

Buchvernissage und Lesung: Sonntag, 26. Juni, 17 Uhr, Historisches Museum, Marktgasse 4, Bischofszell. Verkaufsstellen: «Bücher zum Turm», Papeterie Sauder und Historisches Museum Bischofszell.