ROMANSHORN: «Wir spüren Vorbehalte»

Nach dem Aus der Brüggli-Tagesstätte: Ein Schlupfloch für Eltern sind die Tagesfamilien. Sie geniessen aber einen schlechten Ruf. Zu Unrecht, sagt Ilona Stolz von der Geschäftsstelle des regionalen Vereins.

Tanja von Arx
Drucken
Teilen

Tanja von Arx

tanja.vonarx@thurgauerzeitung.ch

Frau Stolz, viele Leute sind skeptisch gegenüber Tagesfamilien, weil sie das Personal als ungenügend qualifiziert erachten. Ist dem so?

Nein, Tagesfamilien geniessen zu Unrecht einen schlechten Ruf. Wir konzentrieren uns vermehrt auf Ausbildung und Arbeitsqualität. Seit diesem Jahr absolvieren Tagesmütter einen fünftägigen Grundkurs in Pädagogik, zudem können sie regelmässig an Erfahrungstreffen teilnehmen und jedes Jahr eine Weiterbildung besuchen. Des Weiteren gehören wir dem Dachverband kibesuisse an und orientieren uns an dessen Richtlinien. Wir erfinden uns nicht neu.

In welchen Fällen ist es von Vorteil, das Kind in der Tagesfamilie betreuen zu lassen?

Vor allem kleineren Kindern kommt das zugute. In Tagesfamilien baut das Kind im überschaubaren Rahmen eine emotionale Bindung zur Tagesmutter auf und erfährt Stabilität. Von Bedeutung ist das, wenn das soziale Netz nicht am Ort ist, etwa Oma und Opa in Norddeutschland wohnen. Auch Kindergärtlern spricht diese Form der Betreuung zu. Sie müssen nicht am selben Tag von einer Gruppe in noch eine Gruppe gehen. Eltern haben ebenfalls Vorteile. Kitas decken Randzeiten oder das Wochenende nicht ab, eine Tagesfamilie aber schon. Besonders Mütter oder Väter, die im Service arbeiten, in der Pflege oder im Verkauf, wissen das zu schätzen. Letztlich gibt es berufstätigen Eltern gewisse Freiräume, weil sie die Kinder zu unregelmässigen Zeiten betreuen lassen können. Dieser Bereich bildet denn auch das Kerngebiet unserer Dienstleistung.

Betrachten Sie sich als Konkurrenz zu Horten oder Tagesstätten wie dem Chinderhuus Sunnehof?

Nein, gar nicht. Jede Organisation hat ihre Vorteile. Sind die Eltern beispielsweise im Job stark eingebunden, haben sie ein grösseres Bedürfnis nach Planungssicherheit. Wird die Betreuungsperson krank, kann das eine Tagesstätte problemlos auffangen. In der Tagesfamilie braucht die Suche nach einer Vertretung ein bisschen mehr Zeit.

Wie muss man sich das gängige Verfahren vorstellen, das der Verein Tagesfamilien Mittel- und Oberthurgau betraut?

Wir arbeiten nach Auftrag. Die Eltern melden sich, wir besprechen Wünsche und Bedürfnisse und suchen dann nach einer geeigneten Familie. Wichtig ist eine Lösung zu finden, die für Kind und Eltern passt, ob von den Betreuungszeiten her oder den Erziehungsvorstellungen. Die Eltern finden häufig über das Internet zu uns. Viele melden sich auch über Inserate wie jene im ‹Seeblick›, das Schwarze Brett in der Primarschule oder über das städtische Sozialamt.

Sie betonen, dass die geeignete Betreuung in erster Linie von den Bedürfnissen der Kinder und Eltern abhängt. Wie sieht es hinsichtlich der Kosten aus?

Der Preis für Kitas und Tagesfamilien hält sich ungefähr die Waage. Grundsätzlich kann man sagen, dass Kinderbetreuung in der Schweiz nicht eben günstig ist. Bei uns errechnen sich die Kosten auf Basis des steuerbaren Einkommens, die Tarife werden gestaffelt. Eltern bezahlen pro Kind und pro Stunde, die Abrechnung erfolgt monatlich.

Dann sollten sich auch die Zahlen der Kinder in Tagesfamilien und in Tagesstätten die Waage halten...

Verglichen mit den Chinderhuus Sunnehof betreuen die Tagesfamilien in Romanshorn weniger Kinder, wobei die Nachfrage bei uns plus minus gleich bleibt und Änderungen in kleinen Wellen kommen. Wir haben allgemein eine Hemmschwelle bemerkt. Gegenüber grösseren Organisationen gibt es Vorbehalte oder fehlende Information. Es existiert ein Parallelmarkt via Online-Plattformen.

Was müsste man machen?

Sich erst einmal von den Vorurteilen lösen. Und dann sich bewusst machen, dass wir massgeschneiderte Lösungen anbieten können. Es geht letztlich um das Wohl des Kindes.