ROMANSHORN: «Wir müssen die Freiheit stärken»

Er ass ein Guetzli, verteilte Plastiksäcklein und zeigte sich unzufrieden mit der Schweiz: Der Radiojournalist Philipp Gemperle wünschte sich in seiner Rede zum 1. August in Romanshorn eine Besinnung auf Werte der alten Eidgenossen.

Markus Schoch
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Philipp Gemperle auf dem Platz vor der Alten Kirche, wo die Stadt einen Imbiss offerierte. (Bild: Markus Schoch)

Philipp Gemperle auf dem Platz vor der Alten Kirche, wo die Stadt einen Imbiss offerierte. (Bild: Markus Schoch)

ROMANSHORN. Die Romanshorner Bundesfeier wird zum Besuchermagneten. Gegen 500 Personen wohnten ihr gestern vormittag in der katholischen Kirche von Romanshorn bei. Und dem Publikum gefiel ausnehmend gut, was es zu hören bekam: Der Musikverein Romanshorn unter der Leitung von Roger Ender erhielt für seinen Auftritt langen Applaus und musste sogar eine Zugabe geben. Und Festredner Philipp Gemperle durfte viele Komplimente entgegennehmen für seine Ansprache. Es habe sich in jeder Beziehung gelohnt zu kommen, meinte eine Frau. Zumal die Stadt alle zu einem Imbiss mit «Romans-Hörnli und Getränken eingeladen hatte.

«Es muss sich etwas ändern»

Gemperle fragte zu Beginn seiner Rede nach dem Grund für den Rütlischwur, dankte für die Einladung und verteilte Plastiksäcklein. Dann meinte er: Ich bin nicht zufrieden. Es muss sich etwas ändern in der Schweiz, und zwar in Bezug auf die Grundeinstellung.»

Walter Fürst aus Uri, Werner Stauffacher aus Schwyz und Arnold von Melchtal aus Unterwalden hätten 1291 den ewigen Bund der Waldstätte geleistet und geschworen, die Freiheit zu verteidigen und in Eigenverantwortung zu handeln, rief Gemperle in Erinnerung, der beim Regionaljournal von Radio SRF arbeitet. Dann öffnete er eine Schachtel mit Guetzli, ass eines und öffnete noch eine Schachtel mit einem Duftöl. Den Abfall warf er auf den Boden und meinte: «Es gibt relativ viel Verpackung, aber keine Vorschriften, wie viel man verwenden darf.»

Politik mischt sich überall ein

Anders sehe es mit den Plastiksäcklein aus, die er verteilt habe. Die Politik habe sie zuerst verbieten wollen. Diese Idee sei zwar vom Tisch, aber künftig müsse man 10 oder 40 Rappen dafür bezahlen. Für Gemperle ist die Diskussion um die Einwegtüten ein Beispiel dafür, dass die Politik mittlerweile jedes kleinste Detail im Leben mit einem Gesetz oder zumindest einer Vorschrift regeln will. Auch die Schule lasse den Eltern kaum mehr Spielraum. «Ich habe mir überlegt, eine Woche Ferien zu nehmen, um all die Reglemente zu lesen, bevor ich meinen Sohn in den Kindergarten schicke.» So müsse man wissen, dass es nicht erlaubt sei, seinem Kind gleichzeitig einen Turnsack und ein Znünitäschli mitzugeben. Selbst zum schicklichen Verhalten in der Kirche gebe es einen Knigge. Essen und Trinken etwa gelte gemäss Experten als unangemessen.

Verantwortung übernehmen

Er habe im Rahmen seiner Ansprache in der katholischen Kirche trotzdem in ein Guetzli gebissen, weil er gefunden habe, dass er es verantworten könne. Und genau darum gehe es, meinte Gemperle. «Wir müssen bereit sei, wieder vermehrt Verantwortung für unser Tun zu übernehmen. «Damit stärken wir die Freiheit, für die Stauffacher und Co. einst gekämpft haben.» Dazu müsse jeder seine Pflicht als Staatsbürger wahr nehmen. Und vielleicht im Konflikt mit dem Nachbarn das Gespräch mit ihm suchen statt nach einem neuen Gesetz zu rufen.» Die Plastiksäcklein, die er verteilt habe, solle jeder ins Portemonnaie packen. Als Erinnerung an seine Worte, meinte Gemperle. «Oder für den Notfall beim Posten.»