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ROMANSHORN: Vom Kriegsgebiet in den Coiffeursalon

Rico und Rolf Baettig wagen mit ihrem Coiffeurladen neue Experimente. So etwa mit der Ausbildung der aus Syrien geflüchteten Hayat Mousa oder dem von Lernenden selbstständig geführten «Pop-up-Coiffeursalon».
Marie-Theres Brühwiler
Hayat Mousa teilt die Leidenschaft ihrer Ausbildner Rico und Rolf Baettig (links). (Bild: Marie-Theres Brühwiler)

Hayat Mousa teilt die Leidenschaft ihrer Ausbildner Rico und Rolf Baettig (links). (Bild: Marie-Theres Brühwiler)

Marie-Theres Brühwiler

romanshorn@thurgauerzeitung.ch

Die Begeisterung für den Coiffeur-Beruf haben Rolf und Rico Baettig in ihren Genen. Das Geschäft «Baettig Intercoiffure» führen sie bereits in der dritten Generation und die Förderung von jungen Berufsleuten liegt ihnen genauso am Herzen wie ihren Vorfahren. «Wo die Jugendlichen herkommen und welchen Hintergrund sie mitbringen, spielt für uns keine Rolle.» Im Zentrum stehe immer der Mensch. «Das Wichtigste ist, dass die Lernenden aus eigenem Antrieb diesen Beruf wollen», sind sich die Brüder, die in St. Gallen und Romanshorn Coiffeur-, Parfümerie- und Beauty-Dienstleistungen anbieten und bekannt für innovative Ausbildungswege sind, einig.

Verantwortung übergeben

Vor einigen Monaten liessen die Baettigs ihre kurz vor dem Abschluss stehenden Lernenden in einem leer stehenden Ladengebäude für zwei Monate selbstständig ihr eigenes Geschäft führen. Mehr als 1000 Haarschnitte kamen im «Pop-up-Coiffeursalon» zusammen. Es sei sehr wichtig, möglichst oft an Modellen zu arbeiten und Eigenverantwortung zu übernehmen. «Wir haben deshalb nicht nur unsere eigenen, sondern alle Drittjahrlernenden aus der Region an dieser wichtigen Erfahrung teilhaben lassen. Das Projekt war ein toller Erfolg», freut sich Rico Baettig. Das langjährige Arboner FDP-Mitglied hält Vertrauen für eine wichtige Basis. «Erst dann können sich die Jugendlichen beweisen und über sich hinauswachsen.» Bruder Rolf weiss, dass auch Rückschläge dazugehören. «Wir glauben an die Jugend. Auch wenn nicht alle in den letzten drei Jahrzehnten rund 100 bei uns Ausgebildeten für unseren kreativen Beruf so wichtige Leidenschaft gefunden haben.»

An Leidenschaft fehlt es Hayat Mousa nicht. Mit strahlenden Augen ist die junge Syrerin bei Baettig Intercoiffure in Romanshorn mit Haarewaschen beschäftigt, sichtlich begeistert verwöhnt sie ihre Kundin mit einer wohltuenden Kopfmassage, kämmt mit ebenso viel Hingabe deren Haare und erkundigt sich höflich nach ihren weiteren Wünschen. Kaum vorstellbar, dass die 27-Jährige noch nicht einmal drei Jahre in der Schweiz ist und in ihren Träumen noch immer vom Krieg in Syrien und von ihrer sechs Monate dauernden Flucht verfolgt wird. Untertags denke sie nur wenig an diese Zeit. «Ich freue mich, dass in der Schweiz alles ruhig und geordnet ist, aber auch, dass ich hier einen wunderbaren Beruf lernen kann.» Als sie bei Baettigs in Romanshorn erstmals anklopfte, hat die junge Frau kaum ein Wort Deutsch verstanden. Rico und Rolf Baettig sahen deshalb keine Möglichkeit, ihr eine Berufsausbildung zu ermöglichen. Doch Hayat Mousa gab nicht auf, lernte weiter Deutsch, kam wieder und wieder vorbei. Schliesslich wagten die beiden Lehrmeister das Abenteuer. Ihren Entscheid haben sie noch keine Sekunde bereut.

Gewohnt zu kämpfen

«Ich musste mein ganz eigenes Lernsystem entwickeln und vor allem für die Schule sehr hart arbeiten. Es gab Momente, in denen ich zweifelte, ob ich das tatsächlich schaffen werde», erklärt Hayat Mousa. Durchhaltewillen brauchte sie schon lange, bevor sie in der Schweiz war. Dass die ausgebildete Lehrerin ihre lange Flucht überlebt hat, beschreibt sie als kleines Wunder. «Unser Boot ist gekentert, und ich habe mich mit meinen allerletzten Kräften und ohne Schwimmweste an Land gerettet.» Im Bodensee baden, werde sie deshalb ganz sicher nie. «Ich habe noch immer Angst vor Wasser.» Mehrmals sei ihr Leben an einem Fädchen gehangen. So beispielsweise, als sich die kleine Gruppe in der Dunkelheit in einem Wald verlief, sie ihre Füsse kaum getragen haben oder als sie zum x-ten Male an den falschen Papieren scheiterte. Ihren Mann hatte sie aus den Augen verloren, ein Wiedersehen gab es erst Monate später am Bahnhof in Romanshorn.

Den Traumberuf gefunden

«Haare frisiert habe ich schon immer gerne und eigentlich ist Coiffeuse sogar mein Traumberuf», weiss Hayat Mousa. Die kurdisch, arabisch, englisch und deutschsprachige Frau ist dank ihrem Ehrgeiz inzwischen im zweiten Lehrjahr in der Berufsschule eine der Klassenbesten und zudem eine gefragte Dolmetscherin. Ihre mittlerweile in Deutschland lebenden Eltern kann sie mit ihrem momentanen Aufenthaltsstatus «F» noch nicht besuchen. Das sei manchmal hart. Klagen will sie aber nicht. «Ich bin einfach nur dankbar.» In der Vertiefungsarbeit, welche sie noch während ihrer Lehre schreiben muss, wird sie ihre Vergangenheit aufarbeiten und die Geschichte ihrer Flucht niederschreiben. Den Titel weiss sie bereits: «Todesangst.»

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