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ROMANSHORN: «So gelingt die Integration nicht»

Die Ernst Fischer AG hat einen anerkannten Flüchtling als Lehrling angestellt. Mitinhaberin Diana Gutjahr fühlt sich allein mit ihm gelassen – und sogar vom Staat gegängelt.
Markus Schoch
Diana Gutjahr in der Fabrikation, wo der Lehrling aus Eritrea arbeitet. (Bild: Mareycke Frehner (25.2.2016))

Diana Gutjahr in der Fabrikation, wo der Lehrling aus Eritrea arbeitet. (Bild: Mareycke Frehner (25.2.2016))

ROMANSHORN. So hatte es sich die Unternehmerin nicht vorgestellt. «Alle verlangen von der Wirtschaft, den Flüchtlingen eine Arbeit zu geben. Und wenn man es tut, hilft einem niemand – im Gegenteil.»

Diana Gutjahr ist enttäuscht. Sie hat diesen Sommer einem 19jährigen Eritreer eine Lehrstelle als Metallbaupraktiker gegeben, weil sie ihm berufliche Perspektive bieten wollte, die ihm ein Leben ohne Sozialhilfe ermöglichen soll. Und weil sich der Jugendliche um den Ausbildungsplatz sehr bemüht hatte, was Gutjahr beeindruckte.

Kleinere Betriebe machen so sicher nicht mit

Als Dank erhielt sie zwei Rechnungen des Kantons für die Bewilligung des Vertrags. Sie beliefen sich zwar nur über 140 Franken. Trotzdem hat sich Gutjahr geärgert.

«Es geht mir ums Prinzip. Man will etwas Gutes tun, und wird bestraft.» So werde die berufliche Integration der Flüchtlinge nicht gelingen. Vor allem kleinere Betriebe würden unter solchen Bedingungen sicher nicht mitmachen, ist die SVP-Kantonsrätin überzeugt. Man nehme als Lehrbetrieb ein vergleichsweise hohes Risiko in Kauf, Probleme zu bekommen, und müsse dafür sogar noch bezahlen. So funktioniere es sicher nicht. Denn dass die Flüchtlinge mehr Aufwand für eine Firma bedeuteten, stehe ausser Frage.

Fast noch mehr erschreckt hat Gutjahr, dass sie «im Endeffekt völlig allein da steht», wie sie sagt.

Das Sozialamt zeigt keinerlei Interesse

Sie hätte erwartet, dass zumindest jemand vom zuständigen Sozialamt mit ihr Kontakt aufgenommen hätte. Doch das sei nicht passiert. Es scheine den Verantwortlichen egal zu sein, wie es dem Lehrling bei ihr laufe, wundert sich Gutjahr. Dabei müssten sie alles Interesse daran haben, dass ihr Klient den Sprung ins Berufsleben schaffe.

Gutjahr hat darum die Zügel selber in die Hand genommen. «Ich will alle Beteiligten am Tisch haben, damit die Informationen fliessen.» Beigezogen hat sie auch den Case Manager der kantonalen Berufsbildung, der bei schwierigen Situationen Hilfe anbietet. Die Dienstleistung kenne sie von ihrer politischen Tätigkeit her. Doch was machen Kleinunternehmer ohne diesen Hintergrund in einer solchen Situation, fragt sich Gutjahr. «Sie sind verloren.» Umgekehrt wäre auch die Berufsbildung verloren, wenn alle vom Angebot Gebrauch machen würden, befürchtet sie. Die Personaldecke sei sehr dünn.

Regierungsrat ist sich der Problematik bewusst

Ihre eigene Erfahrung beweist Gutjahr, dass noch einiges zu tun ist, damit die Sozialhilfe nicht Endstation für die Flüchtlinge ist. «Es wundert mich nicht, dass bei der beruflichen Integration der Flüchtlinge nichts geht.»

Die Regierung ist sich der Problematik bewusst, wie sie Anfang August in ihrer Antwort auf einen Vorstoss im Grossen Rat von Toni Kappeler schreibt. Eine Vereinfachung der Verfahren werde geprüft, heisst es dort. Auch eine Einschränkung der Bewilligungspflicht sei ein Thema, was den Arbeitgebern nicht nur Kosten sparen würde, sondern flexible Lösungen erlaubt. Einiges verspricht sich der Regierungsrat auch von der sogenannten Flüchtlingslehre. Das Projekt soll im nächsten Jahr umgesetzt werden. Ziel ist, anerkannte Flüchtlinge und vorläufig Aufgenommene sprachlich und fachlich zu schulen sowie durch Praxiseinsätze an die Schweizer Arbeitsrealität heranzuführen, heisst es in der regierungsrätlichen Antwort. «Nötig ist eine prozessorientierte interinstitutionelle Zusammenarbeit sowohl der zuständigen Behörden als auch der Arbeitgeber.»

Das Problem stellt sich mehr und mehr

Es sei höchste Zeit, dass man die Sache angehe, sagt Thomas Maron, der Präsident der Arbeitgebervereinigung Romanshorn. «Man muss sich jetzt darum kümmern.» Er kenne zwar wie Gewerbeverbandspräsident Roland Schneeberger keinen anderen Fall als den von Gutjahr. Maron ist aber sicher, dass bald auch andere vor der gleichen Herausforderung stehen wie die Ernst Fischer AG.

«Das Problem mit der Beschäftigung von Flüchtlingen stellt sich mehr und mehr.» Ziel müsse sein, eine Win-Win-Situation für alle Beteiligten zu schaffen. Stimmen müsse es für die Arbeitgeber, die Arbeitnehmer sowie die öffentliche Hand. «Wir sollten Hindernisse abbauen, und nicht neue aufstellen», betont Maron.

«Wir können die Augen nicht verschliessen»

Erleichterungen wünscht er sich für die Wirtschaft vor allem im administrativen Bereich. Maron könnte sich vorstellen, dass die Gemeinden den Betrieben im Umgang mit Flüchtlingen einen Teil der Arbeit abnehmen. Vor allem für kleinere Firmen bedeute die Bürokratie schon heute eine starke Belastung. Wichtig sei aber auch, dass Ausbildungsbetriebe einen kompetenten Ansprechpartner auf Seiten der Verwaltung hätten, der ihnen weiterhelfen könnte, wenn es Schwierigkeiten gibt.

Nach Meinung von Gutjahr braucht es schnell bessere Lösungen. «Die Menschen sind hier und gehen nicht mehr zurück. Wir können die Augen vor dieser Realität nicht verschliessen.»

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