ROMANSHORN: «Im Moment gebe ich alles»

Ende Jahr schliesst Goldschmied Werner Zürcher nach 56 Jahren sein Geschäft. Die letzten Tage sind sehr streng für ihn. Romanshorn ist für ihn bis heute «ein sensationeller Standort» geblieben.

Markus Schoch
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Werner Zürcher in der Werkstatt bei der Bearbeitung eines Ringes. (Bild: Donato Caspari)

Werner Zürcher in der Werkstatt bei der Bearbeitung eines Ringes. (Bild: Donato Caspari)

Mit Werner Zürcher zu reden, ist im Moment schwierig. Er hat kaum Zeit dafür. In seinem Laden geht es zu wie in einem Bienenhaus. Alle wollen noch etwas von ihm. Er kommt kaum nach und muss deshalb bis in alle Nacht hinein arbeiten.

Herr Zürcher, Sie schliessen Ende Jahr Ihr Geschäft. Wie schwer fällt Ihnen das?
Im Prinzip fällt es mir nicht schwer. Als ich im Frühling das Haus verkauft habe, war für mich klar, dass ich Ende Jahr aufhöre und es kein Zurück gibt. Im Alter von 77 Jahren geht es sicher auch in Ordnung, in Pension zu gehen. Ich konnte es aber auch nur so lange machen, weil ich gesund geblieben bin. Ich sehe noch gut, und die Finger sind beweglich geblieben. Ich durfte hier 56 Jahre arbeiten, und ich habe es jeden Tag gerne gemacht. Ich musste mich am Morgen nie überwinden, in den Laden zu gehen.

Wie läuft der Schlussverkauf?
Sehr gut. Ich muss jetzt aber auch Tag und Nacht arbeiten. Denn ich verkaufe ja nicht nur Schmuck und Uhren, sondern mache auch Reparaturen und passe beispielsweise Ringe auf die Bedürfnisse der Kunden an. Gestern war ich bis 1 Uhr morgens in der Werkstatt, um 7 Uhr stand ich schon wieder im Laden. Und so geht es fast jeden Tag mit einer halben Stunde Mittagspause. Ich arbeite jetzt etwa drei bis vier Stunden länger als sonst. Machen kann ich das nur, weil diese Zusatzbelastung auf die drei Monate des Schlussverkaufs beschränkt ist. Im Moment gebe ich alles.

Kommen auch Kunden, um sich zu verabschieden?
Ja, ich bekam schon Blumen und auch Briefe, in denen mir Kunden schrieben, sie hätten es ausserordentlich geschätzt, dass ich sie nie abgewiesen und immer versucht hätte, ihr Problem irgendwie zu lösen.

Was machen Sie mit den Gegenständen, die Sie nicht verkaufen können?
Ich werde vermutlich versuchen, sie an Märkten zu verkaufen. Und als letzte Möglichkeit bleibt mir, den Schmuck einzuschmelzen und das Rohmaterial zu veräussern. Mein Werkzeug übernimmt zu einem grossen Teil eine Goldschmiedin. Was mir etwas Sorgen bereitet: Ich habe auch noch viele Gegenstände von Kunden, die sie mir zur Reparatur gegeben haben, aber sie dann einfach nie abholen. Von jemandem liegen seit drei Jahren diverse Uhren bei mir. Ich habe die betreffende Person wiederholt darauf angesprochen. Ohne Erfolg. Für mich ist das schwierig: Die Gegenstände gehören mir nicht. Ich bitte darum alle, die noch etwas bei mir haben, vorbeizukommen.

Was tun Sie künftig mit der freien Zeit, die Sie plötzlich haben werden?
Neues werde ich nicht mehr anfangen. Aber ich bin im Turnverein und werde mich viel an der frischen Luft bewegen. Vielleicht kaufe ich ein Generalabonnement, damit ich die Schweiz im Zug bereisen und Wanderungen unternehmen kann.

Mit Arbeiten ist aber definitiv Schluss?
Ich werde in einer Übergangszeit Marianne Baumer Tanner von der Uhren Bijouterie Svec in Amriswil unter die Arme greifen, die einen Teil meiner Uhren-Kunden übernehmen wird. Sie machte einst bei mir die Ausbildung, und ihr Vater half mir seinerzeit, als ich mit 60 Jahren ins Uhrengeschäft eingestiegen bin. Er gab mir Arbeit, und ich gebe jetzt wieder etwas zurück. Mit Uhren kann man noch heute sein Auskommen haben, auch wenn es nicht mehr so einfach ist wie früher, da die Firmen einem viele Auflagen machen. Ich habe alle Uhren repariert, mit denen Leute zu mir ins Geschäft kamen. Auch wenn sich damit nicht in jedem Fall Geld verdienen liess. Ich habe es trotzdem gemacht. Mein Motto war: Wo ein Wille, da ein Weg. Fand ich ihn, war die Freude immer gross. Zufriedene Kunden sind beste Werbung. Ich möchte mich bei allen bedanken, die mir in all den Jahren die Treue gehalten haben. Ich hatte viele schöne Kontakte, die mir als Erinnerung bleiben werden.

Die goldenen Zeiten auch in Ihrer Branche sind aber vorbei.
Das ist so. Zuerst machten uns die steigenden Goldpreise zu schaffen, dann die schwächelnde Wirtschaft. Jetzt sind es die Grossverteiler, der Online-Handel und der Einkaufstourismus. Aber es gibt nach wie vor Menschen, die Freude an speziellen Schmuckstücken haben, die von Hand gefertigt sind. Und die Beratung schätzen. Wenn man die Kunden pflegt, sich als Dienstleister versteht und anpassungsfähig ist, kann man als Goldschmied heute noch gut leben.

Und die Kunden kommen auch nach Romanshorn an die Alleestrasse?
Der Standort ist sensationell. Ich würde ihn nicht tauschen wollen. Gegenüber steht sogar eine Bank. Es hat auch genügend Parkplätze. Romanshorn ist eine kleine Stadt, aber es ist alles da.

Und trotzdem haben Sie keinen Nachfolger gefunden.
Es braucht den Willen zum handwerklichen Schaffen unter Zeitdruck. Ich verkaufe keine Fertigprodukte, sondern passe die Schmuckstücke den Wünschen der Kunden an, die meist nicht lange warten wollen. Und man muss bereit sein, auch mal etwas zu machen, das nicht so rentiert. Mir tut es leid, dass es mit meinem Geschäft nicht weitergeht. Es gibt jetzt wieder eines weniger am Ort. Auch meine Kunden tun mir leid.