ROMANSHORN: «Habe die Ehre»

Im neueröffneten Kaffeehaus zu Romanshorn gibt's zum Wiener Frühstück einen kleinen Braunen. Zur Malakoff-Torte einen überstürzten Neumann. Punschkrapferl hat's im Angebot und Mohnstrudel sowieso. Ein Lokal für Geniesser und Heimweh-Wiener.

Peter Exinger
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Bringen Wiener Kaffeekultur und auch die Torten, die dazu gehören, nach Romanshorn: Tatjana und Norbert Mahr. (Bild: Donato Caspari)

Bringen Wiener Kaffeekultur und auch die Torten, die dazu gehören, nach Romanshorn: Tatjana und Norbert Mahr. (Bild: Donato Caspari)

ROMANSHORN. Ganz hinten im Eck ist für den Grossvater des Cafetiers gedeckt. Er könnte zur Linken von Kaiser Franz Josef sitzen, aus einem Glaskelch trinken und mit «Habe die Ehre» grüssen, wenn Gäste kommen.

Am vergangenen Wochenende wäre er aus dem Grüssen gar nicht mehr herausgekommen, weil so viele Gäste ins Romanshorner «Franzl» gekommen sind. Alleine während des Eröffnungsapéros am Samstagnachmittag gingen 300 Tassen Kaffee über die Budel – so nennt man in Wien die Theke. Und der Kaffee ist nicht einfach ein Kaffee, sondern ein grosser Brauner oder eine Melange.

Echte Speisen und echter Zungenschlag

Aus der ehemaligen Hauptstadt des Habsburger Reiches kommen die beiden frischgebackenen Cafetiers: Tatjana Mahr aus Ottakring und Norbert Mahr aus Floridsdorf. Und deswegen ist nicht nur das Ambiente echt, sondern sind es auch die Speisen und Getränke sowie der Zungenschlag der beiden. Sacherwürsterl gibt's und Grammelknödel. Almdudler und Gösser. Polsterzipf und Marillenfleck. Alles köstlich, alles wunderbar. Der Hausherr ist gelernter Konditor. Da weiss man, was man hat.

Das Lokal wirkt hell und frisch. Wenn nun jemand ins Streiten käme, dann höchstens darüber, ob die Wände zartes Altrosa tragen oder mehr Blassrosa seien. Aus dem Hintergrund kommt ganz leise Musik. Alles aus Österreich: Smetanas «Moldau», Orffs «Carmina Burana» und Wagners «Ritt der Walküre». Wien war immer schon ein Schmelztiegel. Und hat es verstanden, das Beste in seine Tradition und Küche zu übernehmen und es bald als ursprünglich und Eigenes auszugeben.

«Ja, sicher ist so ein Café ein Traum von uns gewesen», sagt Chef Mahr. Und seine Gattin ergänzt: «Wir haben gedacht, wir wagen's jetzt. Weil mit 50 machst des nimma.» Gefunden haben sie das leerstehende Lokal bei einem Spaziergang durch Romanshorn im letzten Februar. Das Konzept für ein Wiener Kaffeehaus Franzl hatte der erfolgreiche Manager damals schon seit mehr als einem Jahr in der Tasche. Und das sieht man Einrichtung, Konzept und Angebot auch an. Alles ist durchdacht. Nicht zufällig. Und das meiste echt. Die Semmerln kommen freilich frisch von Kunz in Altnau und die Würsterln aus der Kreuzlinger Metzgerei Schlemmerzentrum – und bald auch die Debreziner nach einem Geheimrezept.

Romanshorn hat in der Alleestrasse jetzt etwas, auf das es wirklich stolz sein kann. Ein kulinarisches Fenster in die weite Welt. Die beginnt bekanntlich – und ohne Übertreibung – in Wien und endet mit einem Achtelglaserl Leitungswasser zum Mokka. Und wie der selige Kaiser Franz Josef könnte man beim Hinausgehen sagen: «Es war sehr schön, es hat mich sehr gefreut.» Und das wäre nicht mal ein Wiener Schmäh.

Der Autor ist gebürtiger Wiener und wurde in Cafés sozialisiert.