ROMANSHORN: «Es war in mir drinnen»

Heute feiert der ehemalige Unternehmer Edwin Bischof seinen 90. Geburtstag. Er produzierte Milliarden von Dübeln. Dass seine Firma schliesslich verkauft werden musste, berührt ihn heute nicht mehr.

Markus Schoch
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Edwin Bischof schaut heute noch nach dem Garten und hält dort auch ein paar Hühner. (Bild: Reto Martin)

Edwin Bischof schaut heute noch nach dem Garten und hält dort auch ein paar Hühner. (Bild: Reto Martin)

Markus Schoch

markus.schoch

@thurgauerzeitung.ch

Sie sind 90 Jahre alt. Wie geht es Ihnen?

Es geht mir gut.

Wie halten Sie sich fit?

Ich schaue nach dem Garten und halte noch ein paar Hühner. Spazieren gehe ich nicht so oft. Zwecklos herumzulaufen ist nicht meine Sache. Das kann ich fast nicht. Früher, als ich noch kein Auto besass, bin ich jeweils zu Fuss ins Geschäft gegangen.

Sie haben das ganze Leben hart gearbeitet und übergaben die Verantwortung erst mit 72 Jahren. Konnten Sie gut loslassen?

Ja, es ging.

Von einem Tag auf den anderen?

Am Anfang bin ich noch zweimal pro Woche halbtags im Betrieb gewesen.

Wie lange?

Bis 83.

2011 übernahm die Sika die Firma, die Sie aufgebaut hatten. In den Medien war von einer Rettung die Rede. War das eine schwierige Zeit für Sie?

Nein, ich hatte ja nichts mehr zu sagen in der Firma.

Aber emotional waren Sie doch noch mit ihr verbunden.

Das schon. Aber wenn der Geschmack für Kunststoff nicht da ist, dann ist es schwierig.

Wie meinen Sie das?

Das Gespür. Man muss schauen, dass die Formen richtig konstruiert sind, sie richtig gebaut werden und die Produktion gut funktioniert.

Und das war am Schluss nicht mehr so?

Allemol nöd.

Für die Mitarbeiter ist es unter den neuen Eigentümern nicht ruhig geworden. Um die Sika tobt ein Über­nahmekampf. Wie nehmen Sie ihn wahr?

Ich verfolge das Seilziehen nicht. Ich habe ja nichts zu sagen.

Für die Biro war es lange immer nur aufwärts gegangen: Mehr Produkte, mehr Aufträge und mehr Mitarbeiter. Damit einher gingen diverse Ausbauschritte. Doch es war nicht immer leicht: Land zu kaufen, war für Sie alles andere als einfach. Selbst der Gemeindeammann hielt sie für einen Spekulanten. Woher kam all das Misstrauen?

Vor allem am Anfang war es schwierig. Ich hatte zwei Parzellen, aber niemand war bereit, mit mir Land zu tauschen, so dass ich ein zusammenhängendes Stück Land gehabt hätte. Mir fehlten die richtigen Beziehungen. Man warf mir vor, ich wolle nur spekulieren. Ich habe mir in dieser Situation überlegt, nach Sulgen zu gehen. Stattdessen bin ich in Romanshorn geblieben und habe mit einer Halle angefangen.

Nachher war es einfacher?

Ja. Es lief gut. Ich konnte sukzessive weitermachen.

Auch Ihre Kinder mussten in der Schule einiges einstecken. Selbst von den Lehrern bekamen sie zuweilen zu hören, Sie seien Kapitalisten. Wa­rum?

Weil ich ein Haus hatte und in den Betrieb investierte. Es ging steil aufwärts. Der erste Bau war 1967, die anderen folgten im Fünf-Jahres-Rhythmus.

Es gab Neider?

Jaja.

Sie haben ganz klein im Keller Ihres Hauses begonnen, wo sie die ersten viereinhalb Jahre unter beengenden Platzverhältnissen arbeiten mussten. Was haben Sie dort gemacht?

Ich habe zuerst eine Drehbank sowie eine Bohr- und Fräsmaschine gekauft, um Formen zu machen. Die Werkzeugmacher, die man damals bekam, waren dazu nicht in der Lage. Ihnen fehlten die Fähigkeiten. Ich habe gesehen, das muss ich selber machen. Der Stubentisch war mein Zeichnungstisch.

Ihr erstes Produkt?

Das waren Dübel. Am Anfang haben sie nicht recht funktioniert. Die ersten hatten Flügeli und waren meinem Kunden zu hart, nach dessen Zeichnung ich die Dübel gefertigt hatte. Zudem drehten sie durch. Zuerst haben wir den Schlitz nach hinten versetzt, was zur Folge hatte, dass die Dübel zu weich waren für die Durchschlagmontage. Dann habe ich richtig getüftelt. Es war Herbst 1964. Ich habe es mit schrägen Flossen und einem Spiralschlitz versucht, was die Lösung war. Am 20. Januar 1965 habe ich dem Kunden die ersten Muster vorgelegt. Er schaute sie sich an und sagte: Jawohl, so machen wir es. Ich musste dann Tag und Nacht arbeiten, um die Produktion zum Laufen zu bringen.

Wovon haben Sie in den drei Jahren bis zu diesem Moment gelebt?

Von Kügeli und Konussen, von denen ich monatlich eine gewisse Anzahl liefern konnte. Meine Kinder brachten sie anfänglich jeweils mit dem Leiterwagen zur Bahn.

Sie haben sich mit 35 Jahren, einer Frau und sechs Kindern ohne viel Geld selbstständig gemacht. Woher nahmen Sie die Zuversicht, dass Sie es schaffen werden?

Es war in mir drinnen. Ich wollte immer selber etwas machen. Die Idee mit den Dübeln hatte ich bereits. Zudem war der Lohn an meiner letzten Stelle tief und stieg nicht.

Gab es zu jener Zeit noch keine Dübel?

Doch, die gab es, aber nicht so gute.

Wie sind Sie an die Aufträge herangekommen?

Ich war vorher beim Stüdli und nahm teils Kunden mit. Wobei es so war, dass sie von sich aus mitkamen. Als ich mich von einem verabschiedete und erklärte, ich würde jetzt selber anfangen, klopfte er mir auf die Schultern und sagte, er sei dabei.

Die Dübel waren der Durchbruch. Das Sortiment wuchs dann ständig.

Ja, am Schluss hatten wir rund 2000 Produkte, vom Kleiderbügel bis zum Wasserfilter. Von den Dübeln produzierten wir Milliarden in allen Grössen. Auf sie und die Rohrschellen bin ich besonders stolz.

Was war Ihr Erfolgsrezept?

Ideen zu haben und die technischen Lösungen dafür zu finden.

Gab es auch Flops?

Nicht gut lief es einzig mit Skischuhen, für die ich die Schale produzierte. Die Firma ging ­Konkurs, was aber nicht meine Schuld war.

Ihre Frau war die gute Seele im Betrieb. Sie nahm sich der Sorgen und Nöte der Mitarbeiter an. Sie ging auf Krankenbesuch und kümmerte sich um die Italiener, die von Heimweh verzehrt wurden.

Sie half ihnen, eine Wohnung zu finden und war sich nicht zu schade, im Betrieb bei der Endkontrolle zu helfen.

Hatten Sie überhaupt Zeit für anderes als Arbeit?

Nicht viel. Ich hatte Brieftauben, um die ich mich kümmerte. Vor 30 Jahren musste ich aber nach fünf Lungenentzündungen aufhören, die durch den Staub im Taubenschlag ausgelöst wurden.

An der Ortspolitik sind Sie nach wie vor interessiert. Kürzlich waren Sie an der Gemeindeversammlung.

Ja, ich ging wegen der Vorlage für ein zentrales Stadthaus im ehemaligen Postgebäude. Ich war dagegen: Man darf nicht 40 Jahre lang so viel Miete zahlen und hat dann am Schluss doch nichts.

Haben Sie eine bessere Idee?

Die Stadt könnte auf dem Grundstück des heutigen Gemeindehauses neu bauen und Platz schaffen für alle Abteilungen. Bei den Banken erhält man Geld für 0,85 Prozent.

Die Stadt muss sparen. Im Moment dürfte es eine solche Vorlage schwierig haben.

Es macht niemand etwas, das ist das Problem. Dem Stadtrat geht das Unternehmerische ab. Es hat keine Vertreter aus der Wirtschaft dabei.

Weil sich niemand zur Verfügung stellt. Sie hatten auch keine Zeit.

Ich habe einmal auf der Liste der CVP für den Gemeinderat kan­didiert. Aber man wollte mich nicht. Ich war 30 Jahre lang Präsident der örtlichen Raiffeisenbank und war dafür besorgt, dass neu gebaut werden konnte. Und ich habe mich im Vorstand des Pflegeheims engagiert.