ROMANSHORN: Er hat die halbe Stadt beerdigt

Seit 50 Jahren bestattet Herbert Nafzger Tote. Rund 5000 Menschen hat er in dieser Zeit auf den zwei städtischen Friedhöfen begraben.

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Der Bestattungsbeauftragte Herbert Nafzger an seinem Arbeitsplatz. (Bild: PD)

Der Bestattungsbeauftragte Herbert Nafzger an seinem Arbeitsplatz. (Bild: PD)

«Bestattungen sind ein Bestandteil des Lebens.» So traurig und seltsam das für andere klingen mag, für Herbert Nafzger ge­hören diese zum Alltag. «Jeder Mensch hat eine würdevolle Beerdigung verdient», sagt der ­Romanshorner.

Um dem neu gegründeten Blumen- und Gartenbaugeschäft eine sichere zusätzliche Einkommensquelle zu ermöglichen, bewarb sich sein Vater Walter um die Funktion des Totengräbers und erhielt 1967 vom damaligen Gemeinderat den Zuschlag. Nach Lehre und Rekrutenschule hat Sohn Herbert den Vater bei der anspruchsvollen Aufgabe unterstützt und führt sie im Auftrag der Politischen Gemeinde noch heute aus.

Rund 5000 Menschen hat Herbert Nafzger in dieser Zeit auf dem katholischen und evangelischen Friedhof beerdigt. «Rechnet man das um, ist das die halbe Stadt.» Obwohl seine Funktion heute «Bestattungsbeauftragter» heisst, sind die Aufgaben die gleichen. Zum Stellenbeschrieb gehören der Aushub und das Schliessen des Grabes, Mithilfe beim Aufbahren und Einsargen, das Schmücken der Trauerhalle sowie das Beisetzen des Sarges oder der Urne. «So gut wie möglich lasse ich mich auf die Vorstellungen der Angehörigen ein», sagt Nafzger. Wenn er den Trauernden beim Abschied einen Wunsch erfüllen könne, sei das auch für ihn eine Genugtuung. Der 56-Jährige sieht sich in gewissem Sinn auch als Manager. «Ich erkläre den nächsten Angehörigen den Ablauf des Begräbnisses, weise sie bei der Zeremonie an den richtigen Platz und sorge dafür, dass sie rechtzeitig in die Kirche dislozieren.» Seit ein Angehöriger in der Hitze kollabierte, hat Nafzger stets ein Glas Wasser zur Hand.

Er kennt die Friedhöfe wie seine Hosentasche

Nafzger kennt die beiden Romanshorner Friedhöfe wie seine Hosentasche. «Ich weiss genau, welche Personen wo begraben sind.» Die meisten hat er gekannt. Ein Bestattungsbeauftragter braucht neben Fingerspitzengefühl auch körperliche Robustheit. «Als ich noch alles von Hand machte, war das besonders wichtig.» Die Friedhöfe umfassen über 10'000 Quadratmeter. Nafzger hat in seiner Amtszeit mindestens einmal die ganze Fläche umgegraben. Heute erledigt er den Aushub mit der Maschine. Erdbestattungen sind ferner deutlich in der Unterzahl.

Sein Blumengeschäft hat Nafzger in der Zwischenzeit verkauft. Die Gartenbau­firma hat er behalten und sein Amt als Bestattungsbeauftragter will er noch einige Jahre ausführen. (red)