ROMANSHORN: Dieser Mann ist einsame Spitze

Am kommenden Sonntag ist Saisoneröffnung im Locorama. Ohne freiwillige Helfer könnte die Bahnerlebniswelt nicht betrieben werden. Der fleissigste von allen ist Martin Hengartner.

Markus Schoch
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Martin Hengartner ist fast täglich im Locorama anzutreffen, wo er Depotchef ist. (Bild: Reto Martin)

Martin Hengartner ist fast täglich im Locorama anzutreffen, wo er Depotchef ist. (Bild: Reto Martin)

Markus Schoch

markus.schoch

@thurgauerzeitung.ch

Ihm kann keiner das Wasser reichen. 822 Stunden Gratisarbeit leistete Martin Hengartner im letzten Jahr im Locorama. Täglich ausser am Mittwoch und am Wochenende ist er in der Regel auf dem Gelände anzutreffen, wo er für den Unterhalt zuständig ist. Steigt die Heizung aus oder tropft irgendwo ein Hahn, ist Hengartner am Zug. Der 67-Jährige ist sich aber auch als Depotchef nicht zu schade, bei der Vorbereitung grösserer Veranstaltungen zu helfen. Selbst im Winter bei tiefen Temperaturen legt er im Locorama Hand an. Und nicht einmal ungern. «Dann haben wir wenigstens drinnen Platz zum Arbeiten», sagt er. Ist ihm die Kälte in die Glieder gefahren, steht Hengartner zu Hause jeweils lange unter der Dusche, um langsam wieder warm zu werden.

Die Bahnerlebniswelt ist ihm in den letzten Jahren ans Herz gewachsen. «Ich bin fast schon ein Bahnprofi geworden.» Es ist ein Kreis, der sich für den gelernten Schreiner schliesst. Sein Vater arbeitete einst bei der Mittelthurgaubahn (MThB) und hatte wie sein Sohn jetzt mit Dampflokomotiven zu tun. «Mich faszinieren die bahntechnischen Zeitzeugen», sagt Hengartner. Dazu gehören für ihn in Romanshorn auch die ganzen Anlagen mit der Lokremise, die immer noch als Lokremise genutzt wird. «Das ist einzigartig in der Schweiz.» Hengartner würde sich darum mit Händen und Füssen wehren, wenn jemand die Authentizität des Ortes zerstören wollte. Einige kleine Fotos an der Wand lässt er durchgehen. Mehr aber nicht.

Besonders angetan hat es ihm die Hipp’sche Wendescheibe, ein elektrisch gesteuertes Signal, das Matthias Hipp im Auftrag der Nordostbahn 1862 entwickelte. Die SBB musterten das letzte Exemplar 1975 aus. Über 40 Jahre später lebt die alte Technik im Locorama neu auf. Hengartner hat mit anderen eine Wendescheibe wieder in Gang gesetzt, die das Locorama im Herbst 2015 geschenkt bekam. Es war eine Arbeit, wie er sie liebt. Schon als Kind hatte Hengartner alles auseinandergenommen, um zu sehen, wie es funktioniert. Und genauso machten sie es auch mit dem Signal, um es zum Laufen zu bringen. «Wir mussten viel herumprobieren», sagt Hengartner. Doch am Schluss hätten sie es geschafft. So wie früher. «Ich habe immer alles wieder zusammenbekommen.» Am Sonntag bei der Saisoneröffnung wird die neueste Attraktion im Locorama offiziell in Betrieb genommen.

Er träumt von einem Ausbau

Von den ausgestellten Fahrzeugen gefällt Hengartner ein grüner Postgepäckwagen der MThB aus dem Jahr 1913 am besten. «Er ist innen noch original.» Es ist ein Fahrzeug aus einer längst vergangenen Welt, als es für Bösewichte noch Gefängniszellen mit Gitterstäben im Zug gab und Pöstler auf Schienen, denen der Kondukteur nicht auf die Finger schauen durfte, so dass er auf einer schmalen Plattform mit einem hübschen Gitter ausserhalb des PTT-Arbeitsplatzes vorbeigehen musste.

Hengartner würde sich wünschen, dass es für diese längst vergangene Welt und ihre Geschichten noch mehr Platz in Romanshorn gäbe. «Ich träume von einem Ausbau des Locorama.» Vorstellen könnte er sich eine Haltestelle für die Züge mit einem Perron und Kassenhäuschen am Ende des Gleises, das über den Egnacherweg Richtung Amriswil führt und seit langem nicht mehr benutzt wird. Mit der Expo in der Ostschweiz wäre vieles möglich gewesen, ist sich Hengartner sicher. Nach dem Nein zur Landesausstellung lässt er den Kopf aber nicht hängen. Der fleissige Helfer wird weiterhin fast jedem Tag im Locorama stehen und daran arbeiten, dass sein Traum in Erfüllung geht.