ROMANSHORN: Die einmalige Ausnahme

Der Romanshorner Stadtrat hat Andreas Diethelm aus Hefenhofen zum neuen Kommandanten der Stützpunkt- feuerwehr gewählt. Laut Verordnung des Regierungsrats ist das wegen einer Lücke in der Ausbildung aber nicht zulässig.

Tanja von Arx
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Feuerwehrmänner bei einer Übung. Sie trainieren den sogenannten dreifachen Löschangriff. (Bild: Urs Jaudas)

Feuerwehrmänner bei einer Übung. Sie trainieren den sogenannten dreifachen Löschangriff. (Bild: Urs Jaudas)

ROMANSHORN. Nach 28 Jahren wirft er den Bettel hin. Christian Zanetti, Mitglied der Stützpunktfeuerwehr Romanshorn und drei Jahre lang ihr Vizekommandant, hat sich entschieden, ein Signal zu setzen. Denn er findet die Ereignisse vom Februar «höchst unfair», und sie würden «Fragen aufwerfen». Zanetti hatte sich für das Amt des Kommandanten beworben, nachdem der Bisherige Bruno Bühler im Herbst zurückgetreten war.

Der Stadtrat hat aber nicht ihn, sondern den Hefenhofer Gemeindepräsidenten Andreas Diethelm gewählt. Das empfinde er zwar als Affront, sagt Zanetti offen – jedoch sei es nicht der Grund für seinen Rücktritt.

Der Instruktionskurs fehlt

Christian Zanetti sagt, er könne den Entscheid des Romanshorner Stadtrats nicht akzeptieren, weil Diethelm die vorgeschriebene Ausbildung nicht mitbringe. Der Thurgauer Regierungsrat hält in seiner Verordnung zum Gesetz über den Feuerschutz denn fest: «Wählbar als Kommandant einer Stützpunktfeuerwehr sind Offiziere, welche die schweizerischen Feuerwehr-Instruktorenkurse I und II erfolgreich abgeschlossen haben.» Andreas Diethelm fehlt der Instruktionskurs, während Zanetti gar die Instruktorenkurse I bis III erfolgreich absolviert hat.

Der Stadtrat teilte im Februar mit, dass Diethelm den fehlenden Kurs nachholen würde. Nur: Laut Richtlinien der Feuerwehrkoordination Schweiz (FKS) ist das lediglich möglich bis zum Alter von 45 Jahren, im Thurgau gilt sogar die Altersempfehlung bis 42 Jahre. Laut Christian Stähli vom kantonalen Feuerschutzamt dauert die Ausbildung zum Feuerwehrinstruktor ungefähr zwei Jahre. «Sie umfasst eine Infoveranstaltung, eine schriftliche Eignungsprüfung, und sie wird mit einer dreitägigen praktischen Prüfung sowie dem Basiskurs abgeschlossen.» Diethelm wird im August 46 Jahre alt. Demnach hätte er die Limite überschritten, um den Kurs noch zu beginnen.

Er ist einer von ausserhalb

Zanetti kann des weiteren nicht nachvollziehen, dass ein Externer das Kommando übernimmt, obwohl eine interne Kandidatur vorgelegen hat. Ihm sei über seine ganze Amtszeit kein Fall bekannt, in dem der Kommandant einer der zehn Thurgauer Stützpunktfeuerwehren nicht auch vor Ort gewohnt habe. Diethelm wohnt im Hefenhofer Weiler Hatswil nahe der Grenze zu Romanshorn.

Zudem seien viele besser ausgebildet, sagt Zanetti. Zwar war Diethelm Kommandant der Feuerwehr Hefenhofen-Sommeri, jedoch nur bis zu seinem Amtsantritt als Gemeindepräsident im Jahr 2012. Das, um eine Ämterkumulation zu vermeiden, wie er selber sagt. In bezug auf Neuerungen verfüge Diethelm über keine Kenntnisse, sagt Zanetti, weil er die letzten vier Jahre nicht aktiv war. Ein Beispiel sei das Reglement Basiswissen und Einsatzführung II.

Christian Zanetti schliesst: «Ich weiss bis heute nicht, was ich gemacht habe, dass ich keinen Platz mehr habe.» Stadtpräsident David H. Bon hätte sich nach der Wahl noch bei ihm melden wollen, er habe aber nichts mehr gehört. Gegen Diethelm habe er nichts, betont er, und er hätte ihm auch sofort nach der Wahl gratuliert. Und hätte der Stadtrat jemanden gewählt, der bei ihm auf Augenhöhe gewesen wäre, dann wäre er geblieben.

In bezug auf die gesetzliche Verordnung des Regierungsrats und auf die Empfehlung der FKS stellt sich die Frage: Hat der Stadtrat sich über kantonales Recht hinweggesetzt und seine Kompetenzen überschritten? Die Frage ist auch deshalb heikel, weil Stadtpräsident David H. Bon und Andreas Diethelm guten Kontakt pflegen würden, wie es in Kreisen der Feuerwehr heisst. Bon und Diethelm sind im Vorstand der Regionalplanungsgruppe Oberthurgau.

Auf Anfrage unserer Zeitung sagt Andreas Diethelm: «Zu dieser Angelegenheit möchte ich mich nicht äussern.» Es läge nicht in seiner Kompetenz, den Entscheid des Stadtrates zu beurteilen. Der neue Kommandant verweist darauf, dass er die Situation in seiner Bewerbung klar dargelegt hätte.

David H. Bon sagt zur TZ vorab, dass es sich bei der Wahl des Kommandanten um ein faires und nach den üblichen Standards durchgeführtes Verfahren gehandelt habe. Beide Bewerbungen seien gut gewesen, betont der Stadtpräsident. Jedoch hätte sich der Stadtrat bei beiden Kandidaten mit besonderen Voraussetzungen konfrontiert gesehen. So wäre der 51jährige Zanetti in der Kaderfunktion mit 52 ins Pensionsalter gekommen. Im Hinblick auf den fehlenden Kurs von Diethelm hätten die Verantwortlichen beim Kanton nachgefragt, ob man seine Bewerbung unter diesen Bedingungen laufen lassen dürfe.

Komposch gibt ihren Segen

Regierungsrätin Cornelia Komposch und Walter Baumgartner, Leiter des kantonalen Feuerschutzamts, hätten daraufhin mitgeteilt, dass die Wahl in der Verantwortung der Gemeinde liegen würde. Mit einem begründeten Entscheid wäre es möglich, den fehlenden Instruktionskurs nachzuholen. Laut Feuerschutzamt kann ein Offizier, der in ein Voll- oder Teilzeitpensum zum Kommandanten gewählt wird, seine Tätigkeit im Gegensatz zur Milizfeuerwehr bis zur Pensionierung im Alter von 65 Jahren ausüben und die Laufbahn als Feuerwehrinstruktor später beginnen.

Im Auswahlverfahren habe sich laut Bon gezeigt, dass Diethelm breite Führungserfahrung mitbringe. Auch an Erfahrung in der Feuerwehr mangle es ihm nicht. Diethelm war von 23 Jahren Dienst 12 Jahre lang Offizier und sechs Jahre lang Kommandant. Er hätte darlegen können, wie er die Stützpunktfeuerwehr langfristig organisieren und entwickeln sowie einen Nachfolger instruieren wolle, sagt Bon. Insbesondere hätte Andreas Diethelm mit seiner Persönlichkeit überzeugt. Er scheine in der Lage, die Aufgabe als Bindeglied zwischen Behörde und Feuerwehr kompetent und mit Verständnis für beide Seiten wahrnehmen zu können.

«Entscheid fiel uns nicht leicht»

Die Vorgespräche mit den Offizieren hätten überdies klar gezeigt, dass die Anforderungen an den Kommandanten einer Stützpunktfeuerwehr nicht prioritär mit Ausbildungstechnik und technischem Verständnis zu tun hätten. Auch Zanettis Bewerbung sei gut gewesen, sagt Bon. «Er brachte viel Erfahrung mit, insbesondere im Hinblick auf die absolvierten Einsätze.» Er sei jedoch als Ausbildungschef tätig gewesen. Zanetti hätte deshalb nicht dieselben Führungsqualitäten vorweisen können wie Andreas Diethelm. Bon spricht von keinem einfachen Entscheid. «Es ist schwierig, jemandem eine Absage zu erteilen, der sich dreissig Jahre für den Betrieb eingesetzt hat.»

Unüblich, aber rechtens

Melanie Zellweger, Stadträtin mit Ressort Ordnung und Sicherheit und involviert in die Wahl, sagt des weiteren: «Bisher war es tatsächlich üblich, dass der Feuerwehrkommandant in der Gemeinde seinen Wohnsitz hat.» Die gesetzlichen Grundlagen würden aber keine Pflicht im Hinblick auf den Wohnsitz in der Gemeinde vorschreiben.

Diethelm tritt sein Amt am 1. April mit einem Pensum von zwanzig Prozent an. Den Instruktionskurs würde er in Absprache mit dem kantonalen Feuerschutzamt in einem Jahr nachholen, sagt David H. Bon. Der Stadtpräsident betont, dass es sich bei dem Wahlentscheid um eine Ausnahme handle. «Das ist nicht üblich, und es soll auch nicht üblich werden.»

David H. Bon Stadtpräsident Romanshorn (Bild: Reto Martin)

David H. Bon Stadtpräsident Romanshorn (Bild: Reto Martin)

Andreas Diethelm Kommandant Stützpunkt- feuerwehr Romanshorn (Bild: pd)

Andreas Diethelm Kommandant Stützpunkt- feuerwehr Romanshorn (Bild: pd)