ROMANSHORN: Bitterböse und auch wohltuend

Sie treffen ins Herz und den Nerv der Zeit, die zwei Kabarettstunden «Meine Rede – am Pult der Zeit» mit Simon Chen.

Drucken
Teilen
Sparsame Deko, starke Wortkraft: Simon Chen. (Bild: Markus Bösch)

Sparsame Deko, starke Wortkraft: Simon Chen. (Bild: Markus Bösch)

Chen war Gast bei Betulas «Kleinkunst in der Werkstatt». Seit zwanzig Jahren werden Kulturevents in diesem Rahmen veranstaltet. «Lieber habe ich mein Sturmgewehr im Kasten als alle Tassen im Schrank»; «Nach Fukushima drehen sich Politiker wie Fahnen im Wind, das Schweizer Potenzial für Windenergie muss wohl gross sein»; und: «Wer Hunger hat, sollte seinen Mund nicht zu voll nehmen.»

Simon Chen tut dies nichtsdestotrotz und umso mehr mit seinen Sprachspielereien, Wortwitzen und geht dabei bis an Grenzen. Der Kabarettist war Gast bei Ilex, den Werkstätten der Betula-Institution am Egnacherweg. Und da sorgt er für auf- und abschwellendes Lachen der gegen achtzig Besucher, sehr oft befreiend und aus vollem Hals. Ein Lachen, das manchmal auch leicht stecken bleibt in demselbigen Körperteil.

Balanceakte zwischen Religion und Politik

Ein Team der Betula-Institution organisiert kulturelle Abende wie diesen nun schon lange. 1997 mit Martin O. begonnen, setzt Chen an diesem Abend einen weiteren, unbedingt hörenswerten Pluspunkt der «Kleinkunst in der Werkstatt». Dabei balanciert er zwischen gesellschaftlich relevanten Themen aus Politik und Religion, eckte wohl da und dort auch an – etwa in der Rolle des freikirchlich angehauchten Predigers, der sagt: «Gott downloadet seinen Segen auf uns alle, ob klein oder gross, Mac oder PC2.»

Oder auch in der bitterbösen Trauerrede über einen Mann, der «nicht nur tot, sondern ausgebrannt sei, weshalb auf eine Kremation verzichtet werde». Und dann gelangt er unversehens und überraschend wieder zu knallharten und bedeutungsvielfältigen Wortspielen wie: «Globale Zusammenhänge sind wichtig, wo bliebe das Ausland ohne die Schweiz» und «Dieses Rednerpult hier bewahrt den Redner davor, auf das Volk hereinzufallen, und wer dahinter steht, hat etwas zu sagen».

In diesem Sinn verwunderte es nicht, dass sich Chen erst nach dreimaliger Rückkehr auf die kleine Bühne verabschieden konnte.

Markus Bösch

romanshorn@thurgauerzeitung.ch

Aktuelle Nachrichten