ROMANSHORN: 2017 ist auch ein bisschen 1927

Vor 90 Jahren führte die Bevölkerung eine ähnliche Diskussion wie jetzt im Zusammenhang mit dem geplanten Landverkauf an Hermann Hess. Allerdings unter umgekehrten Vorzeichen.

Markus Schoch
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Blick auf den Hafen mit dem Gintzburger-Areal, auf dem eine Fabrik mit Schlot steht. (Bild: Museumsgesellschaft Romanshorn)

Blick auf den Hafen mit dem Gintzburger-Areal, auf dem eine Fabrik mit Schlot steht. (Bild: Museumsgesellschaft Romanshorn)

Markus Schoch

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Die Vorlage war ebenfalls umstritten. Und es ging damals wie heute ums Hafenareal, um Geld und die Zukunft von Romanshorn. Gewisse Parallelen sind nicht von der Hand zu weisen, sagt Hermann Roth von der ­Museumsgesellschaft.

Die Rede ist von der Abstimmung über das sogenannte ­Gintzburger-Areal mit einer Fläche von etwas über einer Hektare, das die Gemeinde 1927 kaufen wollte. Das Gelände ist heute die Festwiese nördlich des «Panem». Vor 90 Jahren befand sich dort eine Industriebrache, nachdem die Firma Gintzburger mit Ausbruch des Ersten Weltkrieges den Betrieb hatte einstellen müssen. In den besten Zeiten beschäftigte das Unternehmen 120 Arbeiter, die unter anderem Parkett produzierten, schreibt Max ­Tobler in seinem Buch zum 1200-Jahr-Jubiläum von Romanshorn.

Die Gemeinde bemühte sich lange Jahre, das Grundstück zu erwerben. Doch sie war nicht der einzige Interessent. Das kaufmännische Direktorium in St. Gallen beziehungsweise die Lagerhausverwaltung St. Gallen streckten ihre Finger ebenfalls nach dem Landstück direkt am See aus mit dem Ziel, dort Lagerhäuser und Getreidesilos zu bauen. Die Verhandlungen scheiterten aber hier wie dort immer am Preis: Der damalige Besitzer verlangte zuerst 275000 Franken, später hätte er sich mit 250000 Franken begnügt.

Das Land war der Weg zum See

Neue Perspektiven eröffneten sich der Gemeinde mit dem Tod des Seniorchefs im Jahr 1926. Denn sein Sohn zeigte sich ­finanziell entgegenkommender. Schliesslich einigten sich die beiden Seiten auf eine Summe von 167500 Franken.

Für den Gemeinderat hatte der Landkauf eine besondere ­Bedeutung: Die Parzelle war der Weg zum See und bot die Möglichkeit, dort eine Parkanlage zu erstellen. Einen ersten Schritt hatte die Gemeinde bereits 1918 mit dem Kauf des Schlosses gemacht. Dabei ging es den Verantwortlichen nicht in erster Linie um das Gebäude, sondern um den Zugang zum Ufer, das zuvor vor allem in privatem Besitz war beziehungsweise in demjenigen der SBB.

In fremden Händen für Gemeinde definitiv verloren

In der Abstimmungsbotschaft zur Gintzburger-Vorlage schrieb die Behörde Sätze, die vertraut klingen: «Sehr oft vernehmen wir von Einheimischen und Fremden, dass dieses Areal ganz entschieden in den Besitz der Gemeinde übergehen sollte, bevor dasselbe in andere Hände gelange. Es mag richtig sein, dass wir in Romanshorn eine neue Industrie begrüssen würden, allein nicht auf jenem Areal.» Denn wenn es in fremde Hände gelange, «so ist es für die Gemeinde definitiv verloren». Der Verlust wäre zu vergleichen mit dem Verkauf des alten ­Hafens an die SBB.

Der Wortlaut erinnert an die Argumentation der Gegner des Landverkaufes an Hermann Hess. Sie sagen unter umkehrten Vorzeichen (und einer gänzlich anderen Ausgangslage) 90 Jahre später praktisch das gleiche: Wir sind für ein Hotel, aber nicht auf der Hafenpromenade, die als eigentliches Filetstück von Romanshorn umbedingt im Besitz der Stadt bleiben sollte. Weg ist weg, und zwar für immer, hiess es in einem Leserbrief mit Blick auf den Urnengang vom kommenden Wochenende.

Die Romanshorner stimmten dem Kauf des Gintzburger-Areals übrigens schliesslich zu. Auch weil es die Gemeinde nur 50000 Franken kostete. Mit je 50000 Franken beteiligten sich auch das Wasser- und Elektrizitätswerk und das Gaswerk. Den Rest steuerten Private bei.