REKORDBERGSTEIGER: «Auf dem Säntis war ich noch nie»

Reinhold Messner ist der bekannteste Bergsteiger im deutschsprachigen Raum und der erste Mensch, der alle 8000er-Gipfel bestiegen hat. Im Januar kommt der Südtiroler ins Pentorama.

Manuel Nagel
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Seine Vortragsreihe führt den 72jährigen Südtiroler Reinhold Messner zum ersten Mal in den Oberthurgau nach Amriswil. (Bild: PD)

Seine Vortragsreihe führt den 72jährigen Südtiroler Reinhold Messner zum ersten Mal in den Oberthurgau nach Amriswil. (Bild: PD)

Manuel Nagel

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@thurgauerzeitung.ch

Reinhold Messner, Sie kommen am 25. Januar ins Pentorama. Kennen Sie den Thurgau oder die Bodenseeregion?

Ich fuhr oft durch, blieb aber nie länger dort. Ich war öfters in Zürich, in Bern und natürlich im Berner Oberland, in den Bergen. Aber in Amriswil war ich noch nie.

Ganz so hohe Berge haben wir Ostschweizer nicht, sind aber trotzdem stolz auf unseren Säntis. Sie waren auch noch nie dort für einen Ausflug?

Nein, bislang war ich auch noch nicht auf dem Säntis.

Wenn Sie auf einen Berg wol- len, fahren Sie auch mit der Bahn hoch, oder ist das ein No-go für einen Alpinisten?

Nein nein, wenn eine Bahn da ist, fahre ich damit hoch. Ich bin nicht jemand, der das alles ablehnt. Die Bahnen wurden für den Tourismus entwickelt und wir in den Alpen müssen auch vom Tourismus leben. Ob es schlau ist, weiterhin Berge zu verbauen, um noch mehr Leute da rauf zu bringen, ist eine andere Frage. Auf Dauer gesehen ist es besser, wir lassen den hohen Bergen – also dort wo der Mensch früher nicht hin ging – ihre Wildnis. Weil sie dann eine stärkere Ausstrahlung haben, auch als Motoren oder Magnete für den Tourismus. Diese Auseinandersetzung, die Berge wild lassen oder touristisch nutzen, kennen wir seit Anfang des Alpinismus.

Und wie stehen Sie dazu?

Ich bin der Meinung, so weit der Mensch die Bergnatur gestaltet hat, wo er Landwirtschaft betrieben hat, so weit er gestiegen ist, um Heu, Holz und Kristalle herunter zu holen, hat er auch nach wie vor nicht nur das Recht sondern auch die Verpflichtung, diese entstandene Kulturlandschaft zu bewahren und zu pflegen. Und am besten pflegt er sie, indem er sie nutzt. Aber in die Eisregion ist der Mensch früher nicht hoch gestiegen und die sollte man wild lassen. Dann haben diese wilden Areale in sich die Kraft als Zaun zu wirken für die grossen Massen und dann bleiben eben diese Berge relativ unverletzt.

Ich höre da ein Plädoyer gegen den Massentourismus, wie er im Himalaya betrieben wird.

Ja, seit der Everest alle Jahre mit einer Piste präpariert wird, steigen Tausende von Leuten hinauf. Aber das ist nicht Alpinismus, sondern Tourismus. Der Alpinist geht in Eigenverantwortung dorthin, wo keine Infrastruktur ist. Der Tourist geht dorthin, wo alle anderen sind und wo die Sicherheit oder die Sicherung von anderen gewährleistet wird. Die Verantwortung wird abgegeben.

Sie sind schon öfter im Berner Oberland gewesen. Ist das ihr Lieblingsplatz in der Schweiz? Gibt es hier einen bestimmten Berg oder eine Region, die sie besonders mögen?

Ich finde das Bergell, das Berner Oberland, das Wallis einfach grossartige Bergregionen. Dort hat der Alpinismus angefangen. Da kamen die Engländer hin, die die Mittel hatten durch die Industrialisierung und haben über fast ein Jahrhundert die grossen Viertausender bestiegen – einen nach dem anderen. Diese erste Phase des Alpinismus ist eine sehr spannende, weil da die ganze Philosophie dahinter entstand. Bergsteigen ist ja eine kulturelle und nicht nur eine sportliche Erscheinung. Es geht um die Auseinandersetzung Mensch–Berg. Da entstand grossartige Literatur.

Muss man diese Literatur als Bergsteiger kennen?

Wenn jemand wirklich verstehen will, was Alpinismus ist, muss er zumindest die wichtigsten Bücher kennen. Und das wiederum kann ich ja nur verinnerlichen, wenn ich auch diese Berge kenne. Ich gehe zum Teil auch auf die Berge, um so zu sagen die frühen Pioniere nachzuempfinden.

Auch um sie zu ehren?

Auch, ja. Für mich ist die alpine Geschichte ebenso wichtig wie die alpine Tat.

Sie sprechen die Literatur an, haben selber bereits rund 50 Bücher geschrieben. Weshalb hatten Sie das Bedürfnis, dieses Buch «Über Leben» zu schreiben? Worin unterscheidet es sich von Ihren anderen Büchern?

Dieses letzte Buch – wobei, das letzte ist es nicht. Das letzte ist ein Matterhornbuch, eine historische Arbeit: «Absturz des Himmels».Die Matterhorngeschichte wurde 150 Jahre lang falsch geschrieben, und ich habe sie neu geschrieben. Es haben sich schon vor mir Leute darum bemüht hinter die Kulissen zu schauen. Vor allem die Familie Taugwalder in Zermatt, die ihren Ururgrossvater rechtfertigen wollte. Aber die grosse Masse hat das Whymper-Buch angenommen. Und die Schweizer selber, die Zermatter, hatten Angst, dass sie die englische höhere Gesellschaft verschnupft machen, indem sie die Wahrheit sagen. So haben sie ihren eigenen Bergführer, ihren eigenen Sohn, den Peter Taugwalder, über die Klinge springen lassen. Der ist daran zerbrochen. Es geht um die Geschichte mit dem abgeschnittenen Seil. Das ist erfunden von einem österreichischen Journalisten, der nicht wusste, wo der Berg steht. Das ist alles nachweisbar, aber man hat es immer falsch erzählt.

Man hat also den Taugwalder für den Tourismus geopfert?

Ja, für den erfolgreichen Tourismus. Denn der Tourismus in der Schweiz lebte damals von den Engländern mit viel Geld. Industrielle hauptsächlich, oder Wissenschaftler, die in die Schweiz kamen, um diese Viertausender zu besteigen. Und man hatte Angst, die Wahrheit zu sagen. Edward Whymper hat clever ein schönes Buch geschrieben, ein grossartiges Buch, und er hat ja im Grunde nichts verbrochen. Whymper hat einfach nie diesen Anwürfen des österreichischen Journalisten widersprochen. Und nachdem der Bürgermeister oder das Gericht den Taugwalder nicht verteidigt hatte, glaubte das Volk, der Taugwalder habe Schuld.

Also war’s nicht seine Schuld?

Der Taugwalder hat alles richtig gemacht. Er hat den Whymper gerettet. Ohne Taugwalder hätte es den Whymper auch in die Tiefe gerissen. Aber Whymper hatte nicht die Chuzpe zu sagen «danke Peter Taugwalder, dass ich noch lebe, und leider sind vier verunglückt». Er war einfach still und erzählte die ganze Geschichte so, dass er keine Verantwortung zu übernehmen hatte. In Wirklichkeit lag die Verantwortung auf Whympers Schultern, denn die Seile gehörten ihm. Er war nicht vor Ort, als sich die Seilschaft beim Abstieg neu zusammen gehängt hat. Er war höher oben, um seine Visitenkarte im Gipfel zu hinterlegen, und er durchschnitt das Seil. Whymper wollte Croz, den anderen Bergführer, einholen, der voraus hinauf gegangen war. Er wollte der erste am Gipfel sein. Damit waren die Seile nicht mehr so zu gebrauchen wie vorher. Beim Abstieg musste man dann neue Konstellationen machen, und das Seil in der Mitte, das gerissen ist, war eben das schwächste Seil.

Was war denn Ihre Motivation, dies alles aufzuarbeiten?

Es gab ja ein Verfahren – nicht ein Gerichtsverfahren sondern eine Art Schiedsgericht – und da hat man den Whymper seiner Verantwortung vollkommen entbunden und am Taugwalder ist alles hängen geblieben. Der musste sein Tal verlassen und ging nach Amerika. Völlig enttäuscht. Verzweifelt. Der ist an dem Ganzen zerbrochen. Hoffentlich ist es mir mit meinem Buch gelungen, Taugwalder posthum Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.

Das wird aber im Pentorama nicht zu hören sein, oder?

Nein, ich mache ja keinen Matterhorn-Vortrag. Das andere Buch, dieses «Über Leben», ist ein Versuch, aus dem ganzen Bergsteigen konkrete Schlüsse zu ziehen. Allgemein interessante Schlüsse. Nicht, wie schnell ich jetzt durch die Eigernordwand gerannt bin. Das ist alles sekundär. Also mir geht es um die konkreten Erfahrungen, die uns bleiben, wenn wir diese Art von Leben mindestens streckenweise wagen. Dieses Hinausgehen in eine wilde Welt, in Eigenverantwortung nach eigenen Vorstellungen. Dann kommen wir zurück und bringen Erfahrungen mit, die der normale Städter, der urbane Mensch, nicht machen kann, weil er in einer ganz anderen Welt lebt.

Und was möchten sie diesem urbanen Menschen mit auf

seinen Heimweg geben?

Vor allem erteile ich ihm keine Lehre, sondern ich erzähle nur Geschichten. Ich bin völlig abgekommen von irgendwelchen Hoffnungen, dass ich mehr wüsste, oder sozusagen die Wahrheit gefunden hätte, die ich jetzt anderen mitteilen könnte. Ich gehe nicht als Prediger auf die Bühne, schon gar nicht als Religionsstifter. Ich bin nur ein «Storyteller».

Also ist es in erster Linie ein unterhaltsamer Abend, den das Publikum erwartet?

Ja. Ich gehe auf die Bühne und erzähle Geschichten. Und ich erzähle die Geschichten hoffentlich so, dass Menschen rausgehen und sagen «ich bin froh, dass ich heute beim Messner war und ich auf ein Abendessen mit meiner Frau verzichtet habe». Der Bürger kann am Abend ins Theater oder zum Kegeln gehen, er kann essen gehen mit seiner Frau oder mit seinen Kindern oder mit wem auch immer oder allein. Er kann alles machen. Ich bin ein Angebot von vielen und ich habe den Ehrgeiz, dass ich anschliessend die Menschen entlasse aus meinem Vortrag, dass sie sagen «ich hab diesen Abend nicht einfach nur verloren und vertan», sondern dass sie nach Hause gehen und etwas mitnehmen. Aber es gibt bei mir keine moralische Wertung – gut oder schlecht. Ich erzähle meine Geschichten über die Tatsachen. Bei mir geht es nur um möglich oder unmöglich.

Gibt es noch was, wovor sie sich fürchten? Sie haben so viele kritische Situationen erlebt. Man hat das Gefühl, es gibt wahrscheinlich nichts mehr, wovor Sie Angst haben.

Nein nein, ich habe immer noch Sorgen, wenn ich neue Herausforderungen annehme. Diese Spannung braucht es, wenn man noch nicht weiss, wie das gelingen könnte. Mit 18 hatte ich auch Ängste und Sorgen, bevor ich aufgebrochen bin in die schwierigen Dolomitenwände. Mit der Zeit haben sich diese Ängste verloren und ich hab’ dann immer schwierigere Sachen gemacht, dass diese Spannung geblieben ist. Die braucht es auch, um genügend Adrenalin zu entwickeln. Die braucht es, um Begeisterung zu empfinden. Wenn etwas geschenkt ist, ist es auch nichts wert.

Ist denn bei einer Vortrags­serie, wie Sie sie jetzt halten, auch noch so eine Spannung da? Haben Sie Lampenfieber?

Nein. Ich gehe auf die Bühne und bemühe mich, bei jedem Vortrag so lebendig wie möglich zu sein. Die Vorträge sind ja live gesprochen. Die sind nicht geschrieben, die sind nicht gelernt. Ich hangle mich nur an einer Bilderserie – es sind auch ein paar Filmstücke dabei – entlang. Die Bilder allerdings sind nur eine Hilfe, dass sich die Menschen in ihren Gedanken dorthin beamen können, wo ich als Erzähler bin. Aber ich erzähle sozusagen das, was man auf den Bildern nicht sieht. Es ist eine ganz eigene Erzählform. Im Grunde ist es die älteste Erzählform. Der Mensch kommt nach Hause und erzählt seinen Angehörigen oder seinem Clan, was er draussen in der Wildnis erlebt hat. Das Erzählen am Feuer. Das mache ich ja auch in einem meiner Museen, in Sigmundskron. Da trete ich abends, wenn es dunkel ist, an einer Feuerschale auf und erzähle einfach nur Geschichten ohne alles.

Vortrag «Über Leben»

Mittwoch, 25. Januar 2017, 20.00 Pentorama, Amriswil.

Tickets für die Veranstaltung sind im Internet unter der Adresse www.messner-live.de erhältlich.