Reise ins Land der 1001 Nächte

Nach orientalischen Gewürzen schmeckt der Punsch, der zusammen mit süssen, weichen Datteln den Ankommenden gereicht wird, die zur «Nacht der Träume» im Atelier Steinmusik bei Beat Weyeneth und Magdalena Zunftmeister in Heldswil eintreffen.

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Märchenerzähler Reza Maschajechi sowie Beat Weyeneth und Magdalena Zunftmeister an den Steininstrumenten. (Bild: Claudia Gerrits)

Märchenerzähler Reza Maschajechi sowie Beat Weyeneth und Magdalena Zunftmeister an den Steininstrumenten. (Bild: Claudia Gerrits)

Nach orientalischen Gewürzen schmeckt der Punsch, der zusammen mit süssen, weichen Datteln den Ankommenden gereicht wird, die zur «Nacht der Träume» im Atelier Steinmusik bei Beat Weyeneth und Magdalena Zunftmeister in Heldswil eintreffen. Zwar füllen sich kaum die ersten beiden Stuhlreihen, doch erwartungsvolle Spannung liegt in der Luft.

Farbig leuchtet es durch ein Paravent, vor dem ein Korbstuhl steht. Auf dem Tisch daneben brodelt Wasser in einem Samowar, gläsernes Teegeschirr steht bereit. Matt schimmern die Steinplatten der vielen Steininstrumente im Atelier. Reza Maschajechi, ein persischer Geschichtenerzähler, der seit 50 Jahren in Deutschland lebt, wird erwartet und in 1001 Nächte entführen. Schon in seiner Kindheit hat der heute 70jährige Märchenerzähler den Geschichten gelauscht, die ihm seine Grossmutter erzählte.

Ein Königreich in Persien

Als Magdalena Zunftmeister einer Steinorgel wundersame Klänge entlockt, in die Beat Weyeneth auf dem Lithophon eine Melodie einwebt, trägt die Musik weg in ein Land weit weg von hier. Im weissen Kaftan und einem Holzstab, der zuoberst ein geschnitztes Antlitz trägt, nimmt Reza Majaschechi Platz. «Ein König im fernen Persien hinterliess seinen beiden Söhnen Schahriyar und Schahzaman ein Riesenreich», beginnt er zu erzählen.

Gebannt lauscht das Publikum der Geschichte, wie Schahriyar ein grausamer König wird, weil er die Untreue seiner Ehefrau rächt. Jede Nacht nimmt er eine Jungfrau seines Reiches zur Frau und richtet sie am nächsten Morgen hin, um sich so gegen jede neue Untreue zu wappnen. Als Scheherazade, die Tochter seines Wesirs, ebenfalls dieses Schicksal erleiden soll, beginnt sie dem König eine Geschichte zu erzählen. Erst im Morgengrauen unterbricht sie diese an der spannendsten Stelle. Der König, begierig die Geschichte weiter zu hören, verschiebt die Hinrichtung. Und so geht es 1001 Nächte lang. «So sind wir bei der 998. Geschichte angelangt», hält der Märchenerzähler inne und lässt die Musiker auf dem Lithophon mit einer wundersamen Melodie gleichsam in den Palast dort im fernen Persien reisen.

Schuster Marufs böse Frau

Dann nimmt Reza Maschajechi die 998. Geschichte auf, erzählt von Maruf, einem arbeitsamen, armen Schuster aus Kairo, von seiner bösen Frau Fatima, Säge genannt. Davon wie er die Stadt verlassen muss, in eine andere Stadt gelangt und sich dort als reicher und auch grosszügiger Kaufmann ausgibt. «Da endet die 998. Geschichte. Solange Schahriyar schläft, gönnen wir uns einen Tee», macht Maschajechi eine Pause, füllt und verteilt Gläser mit Tee aus dem Samowar.

In leises Gläserklirren hinein fährt der Erzähler mit der 999. Geschichte weiter. Maruf heiratet die Prinzessin des Reiches. Wie schön sie ist, klingt in der Musik auf, als Beat Weyeneth auf dem Taragot, einem ungarischen Holzblasinstrument, eine sehnsüchtige Melodie bläst.

Doch als die Prinzessin erfährt, dass Maruf ein armer Schuster ist, schickt sie in weg, weil sie um sein Leben fürchtet. Denn sie liebt ihn. «Ich bin der oberste Dschinn, ich bin dein Diener», erscheint Maruf ein Geist, als er den Ring reibt, den er zufällig in einer Schatzhöhle findet. «König Schahriayr schläft wieder, wir hören Musik und naschen etwas», hält der Erzähler erneut inne. Mit Rosinen und Nüssen füllt er die Hände der Zuhörenden.

Auch in der 1000. Geschichte erlebt Maruf noch manche Abenteuer, bis sich alles zum Guten wendet und er schliesslich alt geworden «sein Leben dem geben musste, der es ihm geschenkt hatte». Ganz still bleibt es vorerst, als die letzten Worte von Reza Maschajechi in die Klänge des Taragots und der Steine übergingen, bevor sich das Publikum mit herzlichen Applaus für den wundersamen Abend bedankte – einem Abend mit besonderer Musik und Geschichten voller Lebensweisheiten, die manche auch heute noch gültig sein könnten.

Claudia Gerrits

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