Prozession zur Erinnerung

Vor 50 Jahren war der Bodensee zugefroren. In Münsterlingen erinnerte eine Prozession an das Jahrhundertereignis – und Zeitzeugen frischten ihre Erinnerungen daran auf, wie eine Freundschaft über die Wassergrenze hinweg entstand.

Severin Schwendener
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Die Büste des heiligen Johannes wurde vom See zur Kirche getragen. (Bild: Stefan Beusch)

Die Büste des heiligen Johannes wurde vom See zur Kirche getragen. (Bild: Stefan Beusch)

MÜNSTERLINGEN. Ein eisiger Wind pfeift und treibt den Schnee vor sich her, der dicht vom Himmel fällt und sich in den Haaren und auf den Kleidern der Gäste festsetzt, die an die Prozession zum Gedenken an die Seegfrörne von 1963 gekommen sind. Fast scheint es, als wolle der Winter just zum Jubiläum zeigen, wozu er auch heute noch fähig ist. Doch der See, der ist eisfrei, das andere Ufer scheint unendlich weit weg. Wenn im Winter keine Schiffe fahren, ist es von Münsterlingen nach Hagnau eine halbe Weltreise – mit dem Auto und der Fähre nach Meersburg ist man mehr als eine Stunde unterwegs.

Als die Grenze fiel

Doch dann, im Februar 1963, war diese Grenze einfach weg. «Der See lag da wie tot, einfach nur eine einzige, weite Fläche», erinnerte sich Zeitzeugin Ines Ruska an der Jubiläumsfeierlichkeit in Münsterlingen an jenen Morgen, als der See ganz zugefroren war. Und es dauerte nicht lange, bis die Menschen über die Grenze kamen. Am 6. Februar kamen die ersten Hagnauer über den See nach Münsterlingen, Tausende sollten ihnen in den nächsten Tagen und Wochen folgen. «Damals waren die Grenzen ja noch viel dichter als heute», erinnert sich Heinrich Brunner. «Und dann war diese Grenze einfach weg – es war unglaublich.» In der speziellen Atmosphäre rund um den gefrorenen Schnee entstanden Freundschaften, die bis heute halten. «Wer ein Boot hat, fährt im Sommer immer noch viel rüber», erzählt Brunner. «Die Freundschaften hatten Bestand und umfassen mittlerweile auch Menschen, die 1963 noch gar nicht geboren waren.»

Ökumenische Prozession

Im Gedenken an dieses verbindende Jahrhundertereignis veranstalteten die Gemeinden Altnau, Hagnau, Immenstaad und Münsterlingen am Samstag einen Festakt. In dessen Zentrum stand eine ökumenische Prozession, in der die Büste des heiligen Johannes, die seit 1573 jeweils bei einer Seegfrörne über den See getragen wird, vom See zur Kirche getragen wurde. Mehrere hundert Personen nahmen an der Prozession und dem anschliessenden Festgottesdienst teil. Auch das auf 700 Gäste ausgelegte Festzelt für die Unterhaltung am Nachmittag war voll. Ganz wie 1963, als auf beiden Seiten des Sees ausgelassene Feste gefeiert wurden, feierten die Menschen mit einem Maskenball bis in die Nacht hinein.

Neue Wege der Freundschaft

Ob es indes je wieder zu einer Seegfrörne kommt, ist fraglich. «Durch den Klimawandel wird es wohl kaum zu einer weiteren Eisbrücke kommen», sagte Hagnaus Bürgermeister Simon Blümcke anlässlich der Prozession am Samstag. «Heute müssen wir andere Wege suchen, um aufeinander zuzugehen.» Auch Regierungspräsidentin Monika Knill beschwor in ihrer Rede das Verbindende. «Ich wünsche mir, der See würde zufrieren und Angela Merkel würde sich mit Eveline Widmer-Schlumpf in der Mitte des zugefrorenen Sees treffen, um alle Steuer-CDs zu versenken und das Steuerabkommen zu unterzeichnen.»

Der Zehnte aus Immenstaad

Ursprünglich war es jedoch genau umgekehrt – nicht die Schweizer zahlten (Abgeltungs-)Steuer, sondern die deutschen Untertanen hatten der St. Galler Obrigkeit in Münsterlingen den Zehnten abzuliefern, um Fasnacht feiern zu dürfen. Dies griffen einige Immenstaader 1963 auf – mit einem Schlitten brachten sie Fleisch, Käse und einige Hennen nach Münsterlingen, den Zehnten eben. Auch heute noch unterhält die Narrengesellschaft Immenstaader Hennenschlitter Freundschaften über den See, vor allem mit den Hechtlern aus Münsterlingen. Alle fünf Jahre gedenken sie der Seegfrörne, die damit auch nach fünfzig Jahren noch eine Brücke über den See schlägt.

Predigt am See: Bei eisigen Temperaturen lauschten die Teilnehmer der Prozession den Worten von Pfarrer Matthias Loretan. (Bilder: Stefan Beusch)

Predigt am See: Bei eisigen Temperaturen lauschten die Teilnehmer der Prozession den Worten von Pfarrer Matthias Loretan. (Bilder: Stefan Beusch)