Protest und Konfusion

TÄGERWILEN. Die Konstanzer Baumaktivisten lassen nicht locker: Gestern protestierten sie für die Rettung der Pappeln im Tägermoos. Auf Behördenebene ist die Sache so kompliziert wie der Status dieser Zone zwischen den Ländern.

Sarah Schmalz
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Rund 130 Personen demonstrierten gestern abend für die Pappeln im Tägermoos. (Bild: Reto Martin)

Rund 130 Personen demonstrierten gestern abend für die Pappeln im Tägermoos. (Bild: Reto Martin)

Bei Rolf Uhler liegen keine zehn Reaktionen auf dem Tisch. Vielleicht fünf davon kämen aus der Schweiz, sagt der Leiter Bauverwaltung der Gemeinde Tägerwilen. Bis auf zwei davon handle es sich allerdings viel mehr um Erkundigungen als um wütende Protestschreiben. Die Ruhe am Schweizer Seeufer steht im krassen Gegensatz zum Aufruhr, der seit der Ankündigung der Baumfällaktion im Tägermoos in Konstanz herrscht (unsere Zeitung berichtete).

Stuttgart 21 im Kleinformat

Der Aktionismus, mit dem die Baumschützer von ennet der Grenze die Allee am Uferweg des Tägermoos retten wollen, ist Stuttgart 21 im Kleinformat. In schwäbischer Manier wurde eine Bürgerinitiative ins Leben gerufen. Mehr als 1000 Personen haben inzwischen eine Petition zum Stop der Arbeiten unterschrieben. Gestern demonstrierten rund 130 Personen bei einer bewilligten Kundgebung (siehe Kasten). Die heftige Reaktion auf deutscher Seite mag mit der jüngsten Konstanzer Geschichte zusammenhängen: Seit der Abholzung mächtiger Linden und Plantagen bei einer Strassensanierung ist das Thema Bäume in der Seestadt ein rotes Tuch.

Gut 30 der 116 Hybridpappeln, die im Tägermoos durch die einheimischen Schwarzpappen ersetzt werden sollen, sind bereits verschwunden. Den Kahlschlag will der Anwalt der Bürgerinitiative mit einem Antrag auf Einstweilige Verfügung beim Deutschen Verwaltungsgericht in Freiburg erreichen. Für Walter Rügert, Pressesprecher der Stadt Konstanz, steht jedoch fest: «Deutsche Gerichte sind für diesen Fall nicht zuständig.» Das Tägermoos liege ja auf Schweizer Staatsgebiet. Und unterliege deshalb auch Schweizer Recht.

Komplizierter Status

Rügerts Aussage führt mitten hinein in die ziemlich verwirrlichen Umstände der Fällaktion im Tägermoos. Der Sonderstatus des Gebietes, das zwar auf Schweizer Boden liegt, aufgrund einer Übereinkunft zwischen dem Grossherzogtum Baden und dem Kanton Thurgau aus dem Jahre 1831 aber im Besitz der Stadt Konstanz ist, macht den Unterhalt des Tägermoos kompliziert. «Grundsätzlich ist überall der Grundeigentümer verantwortlich», sagt Marco Sacchetti, Generalsekretär des Departements für Bau und Umwelt des Kantons Thurgau. «Ausser es gibt eine Schutzverordnung.»

Für das Tägermoos wird eine solche gerade ausgearbeitet: Der Kanton Thurgau hat den Bundesauftrag, das Gebiet wegen seiner Flachmoore und Amphibien zu schützen. Die Stadt Konstanz sei deshalb mit dem Anliegen, die Pappeln zu fällen, auf ihn zugekommen, sagt Raymond Hipp, Leiter der Abteilung Natur und Landschaft im Amt für Raumplanung. Nach einer gemeinsamen Begehung und reiflichem Abwägen habe die Fachstelle dann dem Konstanzer Anliegen zugestimmt.

Brüchige Äste als Gefahr

«Die Gemeindeverwaltung hatte Angst vor Haftungsfällen», sagt Hipp, der dies nachvollziehen kann. Die alternden Bäume seien zwar grösstenteils noch gesund. Viele aber hätten brüchige Äste. «Das kann in der stark frequentierten Allee zum Sicherheitsproblem werden.»

Eine schonendere Vorgehensweise wäre für die Stadt Konstanz mit hohen Kosten verbunden gewesen. Wegen der Höhe der Bäume sind die morschen Äste nicht vom Boden aus sichtbar. «Man hätte also Baumkletterer einsetzen müssen, die regelmässig jeden Baum kontrollieren», sagt Hipp.

Klagen, wo entschieden wurde

Ohne die Intervention von Konstanz hätte der Kanton Thurgau die Pappeln im Tägermoos bis auf weiteres stehenlassen. Die Schutzverordnung sehe im Tägermoos zwar einen Auenwald vor. «Am Wegrand hätten die ästhetisch wertvollen Pappeln aber nicht gestört.»

Dass einige Bürger das Verschwinden der Bäume bedauern, kann Hipp verstehen. Die angekündigte Klage beurteilt er anders als Walter Rügert. Die rechtliche Lage sei zwar kompliziert. «Aber es scheint doch sinnvoll, dass die Beschwerde gegen die Regierung geführt wird, die den Entscheid getroffen hat.»

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