Pietro Ippolito wird britisch

Der Amriswiler bricht seine Zelte in der Schweiz ab und zieht nach England. Er sagt, es habe sich ihm eine Chance aufgetan, die er packen möchte. Er verlässt seine bisherige Heimat ohne Groll und schliesst auch eine Rückkehr nicht aus.

Rita Kohn
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Pietro Ippolito schaut dem Umzug nach England gelassen entgegen. (Bild: Rita Kohn)

Pietro Ippolito schaut dem Umzug nach England gelassen entgegen. (Bild: Rita Kohn)

AMRISWIL. Noch geht Pietro Ippolito durch vertraute Strassen, wenn er von der Arbeit nach Hause kommt. Doch diese Tage sind gezählt. Schon bald wird sich seine Welt von Grund auf verändern. Denn Pietro Ippolito ist ein Auswanderer. Wird er auf diesen Begriff angesprochen, lächelt er. Nein, mit den Auswanderern, wie sie oft im Fernsehen gezeigt werden, hat er wenig gemein. «Viele gehen ins Ungewisse», sagt er. Bei ihm ist es anders. Er hat einen Job und eine Perspektive.

Dass es gerade England ist und nicht etwa eines der klassischen Sehnsuchtsländer kommt von Ippolitos Wunsch, besser Englisch zu sprechen. Er buchte einen Sprachaufenthalt. Und kam völlig begeistert zurück. Aber es war ihm auch bewusst, dass die Zeit nicht gereicht hat, um die Sprache richtig zu lernen.

Mit Bevölkerung in Kontakt

Also wuchs in ihm die Lust darauf, seine Sprachkenntnisse noch mehr zu vertiefen – und dabei auch mit der Bevölkerung in Kontakt zu kommen. «Das geht am besten, wenn man für eine Weile auch da lebt», sagt er. Der Amriswiler begann, sich nach einem Job umzusehen. «Eine Verwandte von mir, die ebenfalls in England lebt, riet mir, mich auf Onlineportalen zu registrieren.» Denn in England werden Mitarbeiter anders gesucht als in der Schweiz. Dort preist sich der Stellensuchende mit seiner Qualifikation in einem Pool an, die Firmen kommen dann bei Interesse auf den entsprechenden Bewerber zu.

Tatsächlich hat sich sofort etwas getan. Es kamen nicht nur Firmen mit Jobangeboten auf ihn zu, auch Sportvereine wollten Pietro Ippolito haben. Als Fussballtrainer hat er bis vor wenigen Tagen in Amriswil die Mannschaft FC Italica trainiert – der Abschied von ihr fällt ihm auch entsprechend schwer. «Die Mannschaft zu verlassen, die Leute zu verlassen fällt mir schwer», bekennt er. Er sei mit dieser Mannschaft aufgewachsen. «Eine tolle Mannschaft!»

Schneller als erwartet

Nach den Erfahrungen in der Schweiz – Pietro Ippolito war eine Zeitlang arbeitslos und suchte dringend einen neuen Job – rechnete der Amriswiler nicht damit, dass es so schnell gehen könnte mit einer Anstellung. «Mitte Juli kann ich bei einer Firma anfangen. Sie suchten jemanden, der mit deutschen und italienischen Kunden kommunizieren kann.» Für den Amriswiler mit italienischem Pass kein Problem. Also flog er für ein Vorstellungsgespräch nach England. Und bekam prompt den Job. «Das, obwohl ich doch noch gar nicht so gut Englisch spreche.»

In England könnten nicht viele Menschen eine andere Sprache, erzählt Pietro Ippolito. Deshalb habe er wohl auch so schnell Arbeit gefunden. Eine Arbeit, auf die er sich freut. Allerdings war der Arbeitsvertrag auch der Startschuss, dass es nun ernst wird mit Auswandern.

Die Chance ergreifen

«Es war ein riesiges Erfolgserlebnis für mich. Aber ich hatte wenig Zeit, mich darauf vorzubereiten», sagt Pietro Ippolito, und seine Augen leuchten. Dann wird er wieder ernst. Am schwierigsten sei es gewesen, seinem Chef zu sagen, dass er kündigen werde. «Er hat mir eine Chance geboten, als ich arbeitslos war. Und ich hatte einen guten Job.» Der Chef reagierte mit Bedauern, aber auch Verständnis. «Ich solle meine Chance packen, sagte er.»

Und das tut der 33jährige Amriswiler denn auch. Auch wenn der Neuanfang mit Abschiednehmen verbunden ist. Nervös ist Pietro Ippolito deswegen noch nicht. «Vielleicht kommt das ja noch.»

Vorerst ins Hotel

Wo der Amriswiler in St. Neots, einem Ort in der Nähe von Cambridge, leben wird, ist noch nicht ganz klar. Vorerst wird er in ein Hotel ziehen. Doch schon bald, so hofft er, will er eine Wohnung beziehen. Am liebsten ein Zimmer in einer Wohngemeinschaft. Denn schliesslich gehe es darum, mit der Bevölkerung in Kontakt zu kommen und sich schnell ein Umfeld aufzubauen. «Ich könnte mir auch vorstellen, wieder als Trainer auf dem Fussballplatz zu stehen.»

Angst vor der Zukunft hat Pietro Ippolito keine. Er weiss, dass ihm immer auch der Weg zurück bleibt, wenn er sich in England nicht wohl fühlt. Noch weiss er ohnehin nicht, ob das Leben in England nur eine vorübergehende Phase sein wird.