OPFERSHOFEN: Unterwegs mit sanften Riesen

Urs Plüss besitzt sechs Pferde der grössten Rasse der Welt. Mit seinen Shires reist er zu diversen Aufträgen im In- und Ausland. Besonders beliebt sind die Cinderella-Hochzeits-Kutschenfahrten.

Yvonne Aldrovandi-Schläpfer
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Urs Plüss mit seinen Shire-Pferden Charlie und Karisma – kurz vor der Abfahrt zum nächsten Auftrag nach Winterthur. (Bild: Yvonne Aldrovandi-Schläpfer)

Urs Plüss mit seinen Shire-Pferden Charlie und Karisma – kurz vor der Abfahrt zum nächsten Auftrag nach Winterthur. (Bild: Yvonne Aldrovandi-Schläpfer)

Yvonne Aldrovandi-Schläpfer

weinfelden

@thurgauerzeitung.ch

Charlie und Karisma geniessen die Abkühlung. Urs Plüss spritzt seine beiden Shires früh am Morgen mit dem Wasserschlauch ab und bürstet ihnen ein paar Strohhalme aus der Mähne. Das dunkelbraune Fell der Tiere glänzt in der Morgensonne. Stolz präsentieren sich die beiden mächtigen Pferde. In wenigen Minuten geht die Fahrt mit dem Transporter los nach Winterthur. Dort sind die Shires zu Werbezwecken als ­Haldengut-Brauereipferde jeden zweiten Mittwoch unterwegs. Urs Plüss beliefert mit dem Zweispänner in der Winterthurer Altstadt lokale Gaststätten mit Bier aus dem Stahltank. Der gelernte Zimmermann ist der Besitzer des Kutschenbetriebes in Opfers­hofen mit sechs Shire-Pferden.

«Ich wollte schon immer gerne ein grosses Pferd haben», erinnert sich Plüss. Erste Erfahrung hatte er mit kleineren Pferden, zwei Freibergern, gemacht. 1993 habe er erstmals Shires bei der Brauerei Eichhof in Luzern gesehen. Um mehr über die grössten Pferde der Welt zu erfahren, habe er sich ein Rassebuch gekauft. Im darauf folgenden Jahr arbeitete Plüss während zwei Monaten als Pferdepfleger im «Courage Shire Horse Centre» in Maidenhead, England. Sofort war er fasziniert von der Grösse, der Ruhe und vom Wesen dieser Pferde.

«Harry war eingebildet, eine männliche Diva»

Harry und Bobby waren seine ersten eigenen Shire-Horses. Im Jahre 1996 kamen die beiden mit dem Lastwagen von England in die Schweiz. «Harry war etwas eingebildet, eine männliche Diva», meint Urs Plüss und lacht. Kurze Zeit später kaufte er zwei weitere Shires. Mit vier Pferden lernten er und sein Vater Peter, von dem er heute noch bei der Arbeit unterstützt wird, das vierspännige Fahren. Der Kuhstall in Dättlikon ZH, wo Urs Plüss aufgewachsen ist, wurde zu einem Pferdestall umgebaut. Mit der Zeit führte er die ersten Gesellschaften mit dem Bockwagen aus. Als der Hof zu klein wurde, schaute sich Plüss nach einem grösseren Anwesen um und wurde 2013 in Opfershofen fündig.

Urs Plüss reist zwei, vier- oder gar sechsspännig mit seinen Pferden umher. Seit 1999 arbeitet er mit der Brauerei Haldengut zusammen. Unter anderem ist er am Zürcher Sechseläuten, an der Offa in St. Gallen und am CSI in Zürich anzutreffen. Zudem bietet er Fahrten für Gesellschaften an und fährt regelmässig mit der doppelstöckigen Amriville-Omnibus-Kutsche durch Amriswil. Besonders beliebt seien Hochzeitsfahrten in der Cinderella-Kutsche. Diese stamme aus Polen und ist nach amerikanischem Vorbild gebaut worden, erklärt der 43-Jährige.

Drei Hochzeitsgesellschaften an einem Tag

Die Sommermonate sind für Urs Plüss besonders streng. Dann könne es an einem Samstag schon mal drei Hochzeiten geben. Als Lastwagenchauffeur ist Urs Plüss mit 450 PS unterwegs, doch am liebsten sei er mit sechs Pferdestärken im Einsatz. Er erhofft sich, irgendwann seinen Teilzeit-Job als Lastwagenchauffeur an den Nagel hängen zu können, um vollumfänglich mit den Shires zu arbeiten.

Shire Horses sind stolze Tiere und werden auch «Gentle Giant» – sanfter Riese – genannt. Sie sind ruhig, aufgeschlossen und menschenbezogen. Shires wachsen langsam, ungefähr bis zum siebten Lebensjahr, und werden etwa ab vier Jahren ausgeritten. Auffällig ist die üppige, weisse Behaarung an den Beinen, eine Folge der Züchtung. Im Durchschnitt wird ein Shire-Pferd etwa 20 Jahre alt. Ursprünglich wurden die Shires als Ritterpferde gezogen. Sie haben die Fähigkeit, schwere Lasten zu tragen (siehe Kasten).

www.shire.ch

Schwere Pferde mit ruhigem Temperament

Shire Horses entwickelten sich vom einstigen Ritter- zum heutigen Showpferd. Shires sind Kaltblüter, was nichts mit der Körpertemperatur zu tun hat. Als Kaltblüter werden Pferderassen bezeichnet, die sich durch ein hohes Körpergewicht – zwischen 800 bis 1000 Kilo – und ein ruhiges Temperament auszeichnen. Ihre Widerristhöhe beträgt durchschnittlich 1,80 Meter. Im Mittelalter trugen die Shires Ritter samt ihrer schweren Rüstungen. Danach wurden sie als Zugpferde in der Landwirtschaft sowie von Brauereien und Getreidemühlen für die Auslieferungen eingesetzt. Anfangs des 20. Jahrhunderts zogen sie auch die Londoner Strassenbahn. (yal)