Offenheit täte gut

Bei uns hört man oft, Amerikaner seien oberflächlich. Sie würden einen bereits am nächsten Tag aus dem Kurzzeitgedächtnis gelöscht haben. Das stimmt aber nur bedingt und hat einen einfachen Grund. Die Amerikaner beherrschen nämlich eines viel besser als wir: die Kommunikation.

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Bei uns hört man oft, Amerikaner seien oberflächlich. Sie würden einen bereits am nächsten Tag aus dem Kurzzeitgedächtnis gelöscht haben. Das stimmt aber nur bedingt und hat einen einfachen Grund. Die Amerikaner beherrschen nämlich eines viel besser als wir: die Kommunikation. Ja, sie sind geradezu Helden des Smalltalks. Geht man bei uns alleine in eine Bar, dann bleibt man auch – ausser man ist selbst sehr offen und proaktiv – meistens den ganzen Abend alleine. Wer in New York alleine in eine Bar geht, kann damit rechnen, innert kürzester Zeit Anschluss zu den Menschen zu haben. Berührungsängste mit «Fremden» haben die Menschen hier nicht. In einer Stadt, wo alle von irgendwo herkommen, sind auch alle irgendwie «fremd».

Diese Offenheit wünschte ich mir auch in der Schweiz, in Amriswil. Bei uns ist leider eher die Haltung verbreitet: «Ach, den oder die kenne ich nicht, also interessiert mich diese Person auch nicht.» Ein bisschen mehr Offenheit täte gut. Natürlich, wer – wie in New York – Meister des Smalltalks ist, hat latent auch eine distanzierte Haltung zu jedem einzelnen. Das Gespräch ist im Hier und Jetzt für den jeweiligen Augenblick. Kann schon sein, dass man bei so vielen Gesprächen eine Person morgen wieder vergessen hat. Bereichernd ist es allemal.

Philipp Bürkler

Philipp Bürkler war Nachrichtenredaktor beim Schweizer Radio. Der aus der Region Amriswil stammende Journalist lebt derzeit in New York. In einer alle zwei Wochen erscheinenden Kolumne berichtet er über die kulturellen und gesellschaftlichen Unterschiede seiner alten und seiner neuen Heimat. Wer mehr von Philipp Bürkler wissen möchte, kann ihm über Twitter folgen: twitter.com/RocketXpress.