Nichts für über 60-Jährige

AMRISWIL. Mehr als 50 Jahre liess sich Evangelisch-Amriswil Zeit, den Frauen das Stimmrecht einzuräumen. Zum ersten Mal durften die Frauen vor genau 50 Jahren mitreden.

Eugen Fahrni
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Frauen über 60 mussten um die Unterlagen bitten. (Bild: Eugen Fahrni)

Frauen über 60 mussten um die Unterlagen bitten. (Bild: Eugen Fahrni)

Ziemlich abschätzig fielen einige Kommentare kürzlich zu den Wahlen in Saudi-Arabien aus, an welchen Mitte Dezember 2015 erstmals auch Frauen teilnehmen durften. Doch gerade in der Schweiz stehen negative Kommentare in einem seltsamen Kontext, weil die Frauen in der Schweiz das Stimm- und Wahlrecht auch erst seit 45 Jahren haben.

Fünf Jahre zuvor, 1966, konnten die Frauen in Amriswil erstmals an einer Versammlung der Evangelischen Kirchgemeinde Amriswil-Sommeri teilnehmen. Und dies, obschon die Stimmberechtigten der evangelisch-reformierten Kirche des Kantons Thurgau einem Organisationsgesetz zugestimmt hatten, das die Kirchgemeinden schon 1921 zur Einführung des Frauenstimm- und -wahlrechts ermächtigt hatte.

Keine Frauen über 60

Am 31. Januar 1966, also genau vor 50 Jahren, konnten Frauen erstmals an einer Kirchgemeindeversammlung in Evangelisch-Amriswil-Sommeri teilnehmen. Das Pikante: Den über 60jährigen Stimmbürgerinnen wurde das Stimmmaterial nicht automatisch zugesandt. Wer von den über 60jährigen Frauen trotzdem an der Versammlung teilnehmen wollte, musste den Stimmrechtsausweis bei einem Messmer extra beziehen.

Diese Diskriminierung wirbelte gemäss dem Amriswiler Anzeiger «etwas Staub» auf. Der Vorsitzende der Versammlung meinte auf eine Frage aus der Versammlungsmitte verlegen, die Vorsteherschaft habe die über 60jährigen Frauen nicht brüskieren wollen, die Behörde habe lediglich den Frauen ab dem 60. Altersjahr «die Stimmfreiheit» zugestehen wollen. Doch das Stossende war: Alle Männer – auch die über 60jährigen – hatten das Stimmmaterial automatisch erhalten und mussten nicht erst beim Messmer darum bitten.

Die Frauen kamen

Nun, die Amriswiler Frauen nahmen damals die Herausforderung ihres neuen Rechts an und erschienen an der Versammlung so zahlreich, dass im Kirchgemeindehaus kein einziger Platz mehr frei war.

Auch bei den Wahlen in eine Pfarrwahlkommission engagierten sich die Frauen begeistert. Nach einem alten Gesetz bestand die Pfarrwahlkommission aus der ganzen Vorsteherschaft. Weil das bisher alles Männer waren, beschloss die Versammlung zusätzlich neu fünf Frauen zu wählen. Das gelang problemlos, weil sechs Frauen vorgeschlagen wurden.

Zögernde Entwicklung

Das Engagement und die Berücksichtigung der Frauen in der Vorsteherschaft kommen nur zögerlich voran. Seit 1966 hatte Evangelisch-Amriswil-Sommeri zwar einige Frauen in der Behörde, doch mit Ruth Pfister lediglich eine Präsidentin. Demnächst wird es voraussichtlich eine zweite Präsidentin geben.

Zu erinnern ist noch, dass die Frauen erst 1971 das Stimm- und Wahlrecht in Kantonsangelegenheiten erhielten. Die Innerrhoder Frauen erhielten ihr Recht als letzte in der Schweiz erst 1990 durch einen Bundesgerichtsentscheid. Somit ging in der Schweiz ein Kampf zu Ende, der rund 180 Jahre gedauert hatte.

Die nächste Kirchgemeindeversammlung findet am Donnerstag, 25. Februar, um 20 Uhr im Kirchgemeindehaus statt.

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