NAZI-PROPAGANDA IN KREUZLINGEN: "Es war erschreckend"

Der junge Thurgauer Luca Fischer hat einen Mann angezeigt, der am Kreuzlinger Hafen Nazi-Propaganda verteilt haben soll. Obwohl der Mann verwirrt gewirkt habe, sei die Anzeige der richtige Weg, findet Fischer.

Daniel Walt
Drucken
Teilen
"Weihnachten im Lichte der Rasseerkenntnis": Solche Traktate wurden offenbar am Kreuzlingern Hafen verteilt. (Bild: Juso Thurgau)

"Weihnachten im Lichte der Rasseerkenntnis": Solche Traktate wurden offenbar am Kreuzlingern Hafen verteilt. (Bild: Juso Thurgau)

Am Montagabend sass der 21-jährige Luca Fischer mit Kollegen am Kreuzlinger Hafen. Gegen 21 Uhr kam ein 40- bis 50-jähriger Mann mit seinem Velo und sprach die Gruppe an. "Er wollte wissen, ob wir politisch interessiert seien", blickt Fischer zurück.

"Eindeutig faschistisch und antisemitisch"

In der Folge zückte der Mann laut Luca Fischer eine schwarze Aktentasche und begann, den jungen Leuten Kopien und Broschüren zu verteilen. Die Thurgauer Jungsozialisten (Juso), bei denen Fischer Mitglied ist, machten das entsprechende Material am Donnerstag auf ihrer Website öffentlich – die Inhalte seien eindeutig faschistisch und antisemitisch. Die Texte stammen laut der Juso unter anderem von nationalsozialistischen Autoren wie Erich Ludendorff und reichen von Verschwörungstheorien bis hin zu offenem Rassismus und Antisemitismus.

Längere Diskussionen

"Der Mann wirkte verwirrt und labil", berichtet Luca Fischer weiter. Er habe Thurgauer Dialekt gesprochen und angegeben, er stamme aus der Region Kreuzlingen. Als Fischer und seine Kollegen nach rund einer Viertelstunde fruchtloser Diskussionen mit dem Mann genug hatten und das Gespräch abbrechen wollten, habe es noch längere Zeit gedauert, bis sich der Unbekannte schliesslich entfernt habe.

"Keine unmittelbare Gefahr"

Luca Fischer hat am Donnerstagnachmittag Anzeige in der Angelegenheit erstattet. Er findet, dass dies der richtige Weg ist - trotz des offenbar psychisch labilen Zustands des Mannes und obwohl er selbst nicht glaubt, dass von ihm eine unmittelbare Gefahr ausgeht: "Man weiss ja, dass es Verschwörungstheoretiker gibt. So jemanden aber direkt vor sich zu haben, war erschreckend. Er äusserte sich auch antisemitisch - und das Material, das er verbreitete, ist klar volksverhetzend", sagt Fischer.

Anzeige erfolgt

Daniel Meili, Sprecher der Thurgauer Kantonspolizei, bestätigt den Eingang der Anzeige. Andere Meldungen über die Aktivitäten des Mannes hat die Polizei bisher nicht erhalten – "wir halten aber die Augen offen", so Meili. Wer hinter der Verteilung der Nazi-Propaganda stecken könnte, ist zur Zeit völlig unklar. Das Material, das der Polizei von der Juso übergeben wurde, konnte bisher noch nicht auf mögliche Straftatbestände hin beurteilt werden. Das ist aber ohnehin Sache der Staatsanwaltschaft und nicht der Polizei. Genauso wie die Frage, ob der Mann, so er wirklich psychisch angeschlagen ist, überhaupt für seine Aktivitäten belangt werden kann.