Nase zu und gut zureden

Mist, Regenwasser und sorgsame Pflege lautete der Tip für die höchste Sonnenblume. Walter Kaiser mass vor dreissig Jahren für einen beliebten Wettbewerb in unserer Zeitung.

Hedy Züger
Drucken
Teilen
Walter Kaiser, der Sonnenblumenmann aus Arbon. (Bild: Hedy Züger)

Walter Kaiser, der Sonnenblumenmann aus Arbon. (Bild: Hedy Züger)

ARBON. Es gibt viele Arten von Sonnenblumen. Einige sind wichtig, um Öl zu gewinnen, andere pflanzt man für den dekorativen Zweck und steckt sie in hübsche Vasen. Nicht alle haben Kerne, aber auf jeden fall knabbern sowohl Vögel wie auch Menschen sie gern. Faszinierend ist der Wuchs der grössten Exemplare. Sie erreichen sechs Meter und mehr.

1979 entstand der Boom

Ein regelrechter Boom entstand in der Region Arbon ab dem Jahr 1979. Damals gab es einen Wettbewerb für die höchste Sonnenblume. Aus dem ganzen Oberthurgau sandten Zeitungsleser die Masse ihrer riesenhaften Gartenblume ein – Jahr für Jahr waren es zwischen 70 und 80 Meldungen. Die Gewinner sprachen von «unserer Glücksblume» und bewahrten deren Kerne bis zum nächsten Frühling auf.

Der Chefredaktor der damaligen «Schweizerischen Bodensee-Zeitung», Andrea Vonlanthen, kam auf die Idee, die Besitzer der längsten Exemplare zu küren. Er hatte in einem benachbarten Garten eine besonders grosse Sonnenblume entdeckt und sagte sich, dass ein Wettbewerb nicht nur gutes Marketing bedeute, sondern die schöne Pflanze erst noch mehr beachtet und gefördert würde.

Ein Säcklein voll Kerne motiviert

Die Idee fand Anklang. Hobbygärtner setzten ihren grünen Daumen ein und verbesserten Jahr für Jahr den eigenen Rekord. Die erfolgreichsten Züchter wurden zu einem Essen eingeladen. Die anderen erhielten für die Motivation ein Säcklein Sonnenblumenkerne – um im folgenden Jahr wieder dabei zu sein und es, vielleicht, an die Spitze zu schaffen. Geheimrezepte wurden ausgetauscht, der Erfolg am Gartenhag diskutiert. Als der Wettbewerb 1986 zum siebtenmal ausgeschrieben wurde, machte ein erprobter Ratschlag die Runde: Mit Regenwasser begiessen, Hühnermist beigeben, Nase zuhalten und stets gut zureden.

6,12 Meter ist bis heute Rekord

Als Fachmann der ganzen Wettbewerbsfrage wurde der Arboner Gärtnermeister Walter Kaiser beigezogen. Nach Durchsicht der Wettbewerbstalons besuchte er mit Vonlanthen die vier Einsender mit den besten Resultaten. Die Jury reiste dafür in mehrere Gemeinden. «Fünf-Meter-Marke überschritten» titelte die «Schweizerische Bodensee-Zeitung» noch 1982. Bald machte aber Kaiser die Erfahrung, dass seine längste Leiter nicht mehr genügte: 6,12 Meter war der absolute Rekord, der je gemessen wurde, mehr als dreimal Menschengrösse. Die kleinste Sonnenblume brachte es immerhin auf 1,47 Meter.

Sieben Sonnenblumen-Jahre

«Ich erinnere mich gerne an die sieben Sonnenblumen-Jahre», sagt Walter Kaiser heute über diese Zeit. Der frühere Ortsverwaltungsrat von Arbon fand damals Gefallen an den stolzen Gartenhäuptern – und am Ehrgeiz der Freizeitgärtner. Als er vor zwanzig Jahren in Pension ging, schloss der heute 89-Jährige mit den Sonnenblumen ab. Als Aufgabe im Alter legte er aber einen grossen Rosengarten in Egnach an. Bei diesen königlichen Blumen sind Leiter und Meterstab nicht mehr vonnöten.

Sunflower isolated on white background (Bild: Tkachuk Oksana (86677102))

Sunflower isolated on white background (Bild: Tkachuk Oksana (86677102))

Walter Kaiser Pensionierter Gärtnermeister aus Arbon. (Bild: Hedy Züger)

Walter Kaiser Pensionierter Gärtnermeister aus Arbon. (Bild: Hedy Züger)