«Musste diese Chance packen»

Noch vor wenigen Jahren übte Carlo Ribaux im Keller seines Elternhauses Schlagzeug und spielte in einer regionalen Band. Nun studiert er an einem der besten Colleges für Popmusik und steht kurz vor der US-Tournée mit einer Rockband.

Andrea Kern
Drucken
Teilen
Im Element: Der Romanshorner Carlo Ribaux am Schlagzeug. (Bilder: pd)

Im Element: Der Romanshorner Carlo Ribaux am Schlagzeug. (Bilder: pd)

Boston/Romanshorn. «Meine Lehrer machen unter anderem mit Paul Simon und Lou Reed Musik», sagt Carlo Ribaux. Der Romanshorner studiert seit vergangenem Januar am Berklee College of Music in Boston – «an einem der besten Colleges im Bereich Popmusik», wie der Schlagzeuger nicht ohne Stolz erwähnt. Eingebildet wirkt der 21jährige aber nicht.

«Noch vor wenigen Monaten hätte ich nie gedacht, dass ich dieses Ziel jemals erreichen werde», verrät der junge Musiker im über den grossen Teich geführten Telefongespräch.

Musik der 60er- und 70er-Jahre

«Mit dem Musikstudium in Boston ist ein Traum wahr geworden», schwärmt Carlo Ribaux. Seit zehn Jahren spiele er Schlagzeug, und noch vor nicht allzu langer Zeit habe er im Keller seines Elternhauses geübt und von einer Musikkarriere geträumt. «Ich spielte schon immer gerne Schlagzeug, pro Tag mindestens eine Stunde.

» Bereits als 13jähriger war er Mitglied einer Schülerband und hat seither in verschiedenen Formationen gespielt. «Bis ich 16 Jahre alt war, hörte ich praktisch nur Musik der 60er- und 70er-Jahre – beeinflusst von der Plattensammlung meiner Eltern, die unter anderem Aufnahmen von Led Zeppelin, Jethro Tull und den Beatles enthielt», blickt der junge Romanshorner zurück.

Grösseres Interesse an Pop

Nach der Matura und dem Vorkurs begann Carlo Ribaux ein Studium an der Jazz-Schule St. Gallen, das er ein Jahr später aber wieder aufgab. «Mir gefällt Jazzmusik, aber ich interessiere mich mehr für moderneren Sound wie Pop, Rock, Punk und Indie. Deshalb bewarb ich mich für den Studiengang in Popmusik in Zürich», begründet der Schlagzeuger den Abbruch der Jazz-Schule.

Die Aufnahmeprüfung in Zürich sei nicht einfach gewesen, da jedes Jahr nur wenige Musiker aufgenommen würden. Gleichzeitig habe er sich auch für das Berklee College in Boston beworben. «Als ich im ersten Semester in Zürich studierte, erhielt ich die Zusage von Boston», erklärt Carlo Ribaux weiter.

Disziplinierter am Üben

«Ich musste diese Chance einfach packen», sagt Carlo Ribaux.

Leicht gefallen sei es ihm aber dann doch nicht, die Schule, die Band, die Zürcher WG und seine Freunde zurückzulassen – und das zudem frischverliebt. Doch die Entscheidung habe sich gelohnt. «Natürlich vermisse ich meine Freunde in der Schweiz.» Aber immerhin habe die Liebe gehalten, obwohl es schwieriger sei, sich nur über Internet-Videotelefonie unterhalten zu können. «Zudem bin ich bereits für einen ganzen Monat nach Hause zurückgekehrt.

» Das nächste Mal in der Schweiz sei er dann erst an Weihnachten wieder, so Carlo Ribaux weiter.

«Für meine musikalische Laufbahn war es jedenfalls gut, dass ich meinen Kollegenkreis für eine Weile verlassen habe. Denn nun bin ich disziplinierter und komme viel häufiger zum Üben», sagt der Schlagzeuger, der John Bonham von Led Zeppelin und Travis Barker von Blink 182 zu seinen Vorbildern zählt.

Musik viel mehr verankert

Nicht nur das College, sondern das Leben allgemein im Land der Freiheit gefällt dem jungen Romanshorner: «Die Musik ist viel mehr in der Gesellschaft verankert und hat einen höheren Stellenwert. Es finden täglich Konzerte statt, und auch ältere Leute haben noch eine Lieblingsband.» Da zudem meist in der Muttersprache Englisch gesungen werde, wirke die Musik authentischer, findet Carlo Ribaux.

Mit seinem eigenen Englisch ist er zufrieden. «Ich gehörte in der Schule immer zu den Besseren. Trotzdem werde ich manchmal wegen meines Akzents ausgelacht. Dabei war ich doch immer so stolz auf meine akzentfreie Aussprache», gibt er zu.

Was ihm hingegen in Amerika weniger gefalle, sei das Essen: «Hier gibt es eindeutig zu viel Fastfood. Das Schweizer Essen vermisse ich deshalb sehr.» Befremdend finde er zudem das nicht vorhandene Umweltbewusstsein in den Staaten, insbesondere auf dem Land.

Hobby zum Beruf machen

Seit einigen Monaten spielt der Schlagzeuger in einer amerikanischen Band namens Westland. «Unser Sound bewegt sich im Bereich Pop/Rock. Die Band gibt es schon länger, und im Moment laufen Gespräche mit Labels», erklärt Carlo Ribaux. Nun, da er die Möglichkeit erhalten habe, mit der Band auf Tournée zu gehen, stehe er vor einer wichtigen Entscheidung.

«Die Tournée tönt schon verlockend, und in der Musik zählt vor allem die Erfahrung und nicht der Abschluss. Andererseits möchte ich eigentlich gerne weiter studieren», wiegt Carlo ab. Denn er müsse realistisch bleiben. Auch unter den Berufsmusikern gebe es nur wenige, die von den Konzerten alleine leben können. «Die meisten unterrichten nebenbei an Musikschulen», erklärt Carlo.

Aber unabhängig von seiner Entscheidung werde er das Ziel anstreben, sein Hobby längerfristig zum Beruf zu machen. «Denn in welchem Beruf hat man Fans, die klatschen, wenn man fertiggearbeitet hat?»

Carlo Ribaux

Carlo Ribaux