MUOLEN: «Helden können wir keine brauchen»

Nach 30 Jahren Feuerwehr legt Marcel Baumann das Kommandantenamt nieder und übergibt an Reto Beer. Die beiden gingen durch dick und dünn. Nicht jeder sei dafür geschaffen, Kommandant zu sein.

Christina Dietze
Drucken
Teilen
Der Feuerwehrkommandant Marcel Baumann und sein designierter Nachfolger Reto Beer (vorne) beim Feuerwehrdepot. (Bild: Hanspeter Schiess)

Der Feuerwehrkommandant Marcel Baumann und sein designierter Nachfolger Reto Beer (vorne) beim Feuerwehrdepot. (Bild: Hanspeter Schiess)

Christina Dietze

christina.dietze

@tagblatt.ch

Wenn plötzlich der Pager piepst und der amtierende Feuerwehrkommandant Marcel Baumann nachts bei sich zu Hause aus dem Fenster schaut, sieht er genau, in welcher Richtung sich die Flammen des Feuers befinden. Dieser Moment sei der Höhepunkt in der Adrenalinkurve der folgenden Tage, wie Baumann sagt. Denn so lange können die Lösch- und Aufräumarbeiten eines Brandes dauern.

Nach 30-jährigem Feuerwehrdienst, davon zehn Jahre als Kommandant, gibt Baumann Ende Jahr sein Amt ab. «Mit 50 ist in der Feuerwehr Muolen Schluss.»

Am 1. Januar 2017 werden Schlüssel und einige Ordner an den designierten Nachfolger Reto Beer übergeben, der seit zwölf Jahren bei der Feuerwehr ist. Dies ist zwar laut Baumann der symbolische Akt einer Amtsübergabe, faktisch teilen sich die beiden den «Job» aber schon seit einem Jahr. Das Wichtigste lerne man im Einsatz und nicht etwa in den Akten, sagt Baumann. Bei der Feuerwehr sollte man körperlich fit sein und geistige Flexibilität mitbringen. Als Kommandant brauche man zudem einen gesunden Menschenverstand.

Vom Bernbiet nach Muolen gezogen

«Ich habe immer gesagt, die Feuerwehr ist mein Hobby. An erster Stelle kommt die Familie, an zweiter mein normaler Job», sagt Baumann. Hauptberuflich ist er Dachdecker und Inhaber eines Landwirtschaftsbetriebes. Schon Baumanns Vater war bei der Feuerwehr, das gehörte damals dazu. Auch sein Nachfolger Reto Beer ist Familienvater und hauptberuflich als Käsermeister tätig. Der Berner zog als 25-Jähriger nach Muolen und suchte einen Verein, um Leute kennen zu lernen. Dass es die Feuerwehr wurde, liege auch daran, dass er ein Helfersyndrom habe. «Wie die meisten Angehörigen der Feuerwehr», fügt Beer hinzu.

Als Kommandant hat man laut Baumann zwei Hauptaufgaben: Die Einsätze koordinieren und ein offenes Ohr für alle Sorgen und Probleme haben. Wichtig in einem Notfall sei, die Nerven zu behalten und in Ruhe die Vorgehensweise zu überdenken. Dies funktioniere in der ersten Viertelstunde nicht immer, wie Baumann sagt. Trotzdem müsse man sich die Zeit dazu nehmen. «Helden können wir keine brauchen», sagt Beer. Die etwa 40 Feuerwehrmänner müssen selbst entscheiden, wie weit sie sich in ein brennendes Haus wagen.

Etwa in vier von zehn Einsätzen pro Jahr sind Menschenleben gefährdet. So gehört es auch zum Job, Schwerverletzte und Tote zu sehen. «Dies belastet am meisten», sagt Beer. Nach jedem Einsatz sitzt die ganze Truppe im Feuerwehrdepot und jeder erzählt von seinen Eindrücken. So können sich Puzzlestücke zu einem Ganzen zusammenfügen, was bei der Verarbeitung helfe. «Nicht alle können das. Manchmal braucht es aber auch einfach Zeit oder professionelle Hilfe», sagt Baumann.

Schlimme Ereignisse schweissen zusammen

Er und Beer seien bei allen schlimmen Fällen in den letzten Jahren beieinander gewesen und konnten gut darüber sprechen. Für den amtierenden Kommandanten ist die grösste Herausforderung, wenn er Angehörige eines Verstorbenen kennt und ihnen im Alltag immer wieder begegnet. Der Schicksalsschlag einer Familie habe ihn besonders getroffen. Zuerst habe sich in dieser ein Todesfall und Jahre später ein Brand ereignet.

In seiner 30-jährigen Amtszeit hat Baumann nicht nur menschlich dazugelernt, sondern auch einen technischen Quantensprung miterlebt. «Man löscht immer noch mit Wasser, aber mit weniger.» Bessere Löschtechniken und Tanklöschfahrzeuge anstatt Traktoren sorgen auch dafür, dass die Zahl der Feuerwehrmitarbeiter von etwa 60 auf 40 geschrumpft sei.

Als erste Handlung im Kommandantenamt hat Marcel Baumann vor zehn Jahren die Achtungsstellung – das Salutieren vor dem Kommandanten – abgeschafft. Auch habe er viele Aufgaben des Amtes auf mehrere Schultern verteilt, um flachere Hierarchien zu schaffen. «Der Laden muss auch ohne mich laufen.» Dies will Reto Beer beibehalten. Ziel sei es, die Feuerwehr Muolen weiterhin kameradschaftlich zu führen. «Die Feuerwehr ist wie eine grosse Familie», sagt Baumann. Beer ergänzt: «Sonst würde auch nichts funktionieren.»