MÜNSTERLINGEN: Tanzen können alle

Das Bundesjugendballett bringt zum vierten Mal den Tanz in die psychiatrische Klinik. Die jungen Profitänzer geben Workshops für Patienten und Schüler. Dazu stehen sie zweimal selbst auf der Bühne.

Viola Stäheli
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Viola Stäheli

viola.staeheli@thurgauerzeitung.ch

Die Beine sind gestreckt, die Arme leicht gebogen. Eine Drehung nach rechts, die Zehenspitzen berühren den Boden. Die vier Männer und vier Frauen sind konzentriert. Es gibt nur die Melodie der Pianistin, vier Ballettstangen und den Ballettmeister. Der sagt, worauf die Tänzer achten sollen: «Soften your Shoulder!» Er spricht in Englisch, denn die jungen Erwachsenen kommen aus sieben Nationen – darunter Dänemark, Argentinien, Brasilien und den USA. Sie alle sind im Saal der psychiatrischen Klinik Münsterlingen versammelt und absolvieren konzentriert ihr morgendliches Training, während vor der Tür die Patienten noch gemütlich an ihrem Frühstück sitzen.

Die acht Tänzer, die zwischen 18 und 23 Jahren alt sind, gehören zum Bundesjugendballett. Die Compagnie wurde 2011 in Hamburg ins Leben gerufen und ist vom deutschen Bund unterstützt. Das Bundesjugendballett bietet jungen Tänzern nach ihrer Ausbildung die Möglichkeit, zwei Jahre ihre Leidenschaft, das Ballett, zu den Leuten zu bringen. Sie tanzen nicht in grossen Tanzsälen, sondern im Gefängnis, im Seniorenheim oder in der psychiatrischen Klinik Münsterlingen – und das bereits zum vierten Mal.

«Das Ziel der Compagnie ist es, den Tanz zu Leuten zu bringen, die normalerweise nicht damit in Kontakt kommen», sagt Yohan Stegli, der organisatorische Leiter des Bundesjugendballetts. Die Gruppe tourt national und international – derzeit verbringen sie die ganze Woche in Münsterlingen. Morgen und übermorgen zeigen sie ihr Können auf der Bühne, danach geht es weiter nach Zürich.

Vermittlung durch Workshops

Viel wichtiger als die Aufführungen sind aber Workshops. Ein solcher beginnt nach der morgendlichen Trainingseinheit. Immer mehr Patienten der Klinik sammeln sich im Raum und setzen sich auf einen der aufgestellten Stühle. Die acht Profitänzer und der Ballettmeister setzen sich neben sie. Und dann gehts los: Begrüssungsrunde, Lockerungsübungen, spielerische Annäherung an die Musik. «Es ist schön zu sehen, wie oft in diesen Workshops gelacht wird», sagt Seraina Perini Allemann, Kulturbeauftragte der psychiatrischen Klinik. Sie war es, die vor vier Jahren das Bundesjugendballett angefragt hat, ob es in Münsterlingen vorbei kommen wolle. Nach einigem Hin und Her klappte das – seither ist die Compagnie jedes Jahr für eine Woche zu Gast.

Die Workshops richten sich nicht nur an Patienten der Klinik, sondern auch an Kinder aus ­ den umliegenden Schulen. «Die Tanz­welt ist in sich geschlossen», sagt Stegli. Gerade durch Workshops kann diese geschlossene Welt aufgebrochen werden und alle ansprechen – egal ob Jung oder Alt, egal welche Krankheitsgeschichte hinter einem liegt. Für die Profitänzer sind es anstrengende Tage in Münsterlingen: Zwei bis drei Workshops pro Tag, dazu das tägliche Training. Stegli ist aber überzeugt: «Am Ende nehmen wir vom Bundesjugendballett am meisten mit: Wir lernen Herzlichkeit zu teilen.»

Aufführungen

26. und 27. Oktober um 19.30 Uhr in der psychiatrischen Klinik Münsterlingen