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«Mocmoc lebt!»

Seit zehn Jahren steht Mocmoc auf dem Romanshorner Bahnhofplatz. Die Künstler Marcus Gossolt und Johannes M. Hedinger haben einst die Figur erfunden. Nun würden sie mithelfen, damit es in der Stadt wieder ein Kinderfest gibt.
Ida Sandl
Stehen zu und für Mocmoc: Die beiden Künstler Johannes Hedinger und Marcus Gossolt, besser bekannt als Künstlerduo Com&Com. (Bild: Urs Bucher)

Stehen zu und für Mocmoc: Die beiden Künstler Johannes Hedinger und Marcus Gossolt, besser bekannt als Künstlerduo Com&Com. (Bild: Urs Bucher)

Herr Gossolt, Herr Hedinger, Sie haben als Künstlerduo Com&Com die Figur Mocmoc erfunden. Finden Sie ihn schön?

Marcus Gossolt: Ich finde ihn schön. Aber vielleicht ist das derselbe Effekt, wie wenn man einen etwas hässlichen Hund hat. Der wird auch immer schöner für einen selbst.

Johannes Hedinger: Ich finde ihn herzig. Die Figur ist voll auf die Kinder ausgerichtet, und die lieben ihn. Das war das Ziel. Ich selber habe ein anderes Schönheitsempfinden.

Mussten Sie den Romanshornern ausgerechnet eine Pokémon-Figur als Stadtheiligen vorsetzen?

Gossolt: Es geht nicht um Pokémon. Sondern darum, dass die Skulptur sich als zeitgemässe Phantasiefigur behaupten musste. In Konkurrenz zu all dem, was Kinder von Disney und Asien her gewohnt sind.

Hedinger: Genau. Die Kinder waren unser erstes Zielpublikum, ohne sie hätte Mocmoc gar nie funktioniert. Und was in Romanshorn funktionierte, haben wir dann exportiert: nach Deutschland, Schweden, die Arabischen Emirate und Singapur. Alle lieben Mocmoc.

Ausser die Erwachsenen.

Gossolt: Das Thema war Identität. Man hätte auch einen Workshop organisieren können – und niemand wäre gekommen. Wir wussten, dass die Figur provozieren musste, um diesen Prozess in Gang zu setzen. Das tat Mocmoc auch: Es gab in Romanshorn noch nie eine Gemeindeversammlung mit 700 Leuten.

Hedinger: Sogar eine Predigt wurde über Mocmoc gehalten. Die Abstimmung, ob er bleiben sollte, hatte eine Stimmbeteiligung von 56 Prozent. So hoch wie nie zuvor. Jeder hatte plötzlich eine Meinung, wer oder was Romanshorn ist oder eben nicht.

Das Projekt begann mit einer Lüge.

Gossolt: Es begann mit einer erfundenen Legende von «Mogmok», die wir von einem Historiker im Gemeindearchiv entdecken liessen. Endlich hatte Romanshorn eine Gründerlegende, die nicht gross hinterfragt wurde. Darauf basiert die Skulptur.

Hedinger: Das Ganze kam dann schneller ans Licht, als wir wollten. Weil es einen neuen Gemeinderat gab, der nicht eingeweiht war. Denn die Gemeinderäte waren unsere Komplizen.

Gossolt: Als ein Journalist von mir damals mit Nachdruck die Wahrheit forderte, meinte ich nur: Spielt es denn wirklich eine Rolle, ob eine Legende 500 Jahre oder ein Jahr alt ist?

Es ist nicht ganz dasselbe.

Hedinger: Seit 2008 führt das offizielle Schweizer Lesebuch für vierte Klassen die Mocmoc-Legende im Kapitel über moderne Legenden und Sagen. Da steht nichts mehr von einem Kunstprojekt.

Gossolt: Damit ist unsere Behauptung real besiegelt. Die Kunst hat dabei nur mitgeholfen.

Die verantwortlichen Politiker standen aber hart in der Kritik.

Gossolt: Das tut uns auch leid. Wir wollten nie jemanden piesacken. Wir haben aber niemanden über den Tisch gezogen. Gemeinderat und Kunstkommisson haben der Idee zugestimmt.

Hedinger: Wir haben der Opposition in Romanshorn mit Mocmoc einen Spielball gegeben. Über die Figur konnten sie anderen Ärger los werden. Da steckt auch etwas Positives drin.

Die Schweiz hat über Romanshorn gelacht.

Hedinger: Nicht nur. Das war auch ganz viel Gratiswerbung für die Stadt. Es ist noch nie so viel über Romanshorn geschrieben worden. Etwa 300 Artikel sind erschienen. Sogar das deutsche und das französische Fernsehen waren da.

Gossolt: Es gab Städte, die haben uns angerufen, weil sie auch so etwas haben wollten. Natürlich geht das nicht. Amriswil hatte Romanshorn sogar ein Kaufangebot für Mocmoc gemacht. Man hat das dann aber abgelehnt.

Das Projekt Mocmoc war ein Erfolg?

Hedinger: Finanziell nicht, da haben wir draufgelegt. Aber im Sinne, dass es Dialog und Diskurs ausgelöst hat; über Fragen der Identität, Demokratie, Beteiligung und Kunst im öffentlichen Raum. Mocmoc ist eine soziale Plastik. Ein Projekt, das Prozesse in Gang setzt. Das ging weit über den Kunstraum hinaus.

Gossolt: Wenn man den Erfolg an der Menge von Gesprächen und Auseinandersetzungen rund um die Welt messen kann, dann war und ist es ein Erfolg. Aber man kann ein Kunstwerk nicht messen an der Quantität von Aufmerksamkeit.

Mocmoc wurde mehrmals angefahren, ein Zeichen von Protest?

Gossolt: Sicher nicht. Einmal war es ein Lastwagen und das andere Mal ein Auto. Die Fahrerin hat bei mir angerufen und sich entschuldigt.

Mocmoc lässt wohl keinen kalt.

Gossolt: Als wir gerade in Singapur waren, hat ein Journalist angerufen und gefragt: Wart Ihr das schon wieder? Angeblich sollte sich Mocmoc auf seinem Sockel gedreht haben. Ich habe ihm versichert, so wie die Figur gebaut sei, ist das nicht möglich. Trotzdem schaut er seit da in eine leicht andere Richtung. Mocmoc lebt!

Hedinger: In der Zeit, als Mocmoc so oft in den Medien war, bin ich von Zürich nach Romanshorn gefahren. Der Kontrolleur sah das Ticket und sagte: Ah, nach Mocmoc-City. Wenn das kein Standort-Branding ist.

In Romanshorn scheint die Figur jetzt keine Rolle mehr zu spielen.

Hedinger: Das ist vielleicht ein Zeichen, dass sie integriert ist. Es ist der Platz, wo man sich trifft und mehr. Vielleicht hat man sich dort geküsst. Mocmoc ist Teil des Romanshorner Lebens.

Gossolt: In Friedrichshafen steht eine recht ähnliche Figur am Hafen. Wir hatten im Rahmen der Bodensee-Triennale die Idee, die Figuren zu tauschen. Die Friedrichshafener waren begeistert. Der damalige Romanshorner Stadtpräsident war dagegen. Also derart unwichtig scheint Mocmoc für Romanshorn nicht zu sein.

Vielleicht hatte er die Nase voll von Mocmoc-Aktionen.

Gossolt: Nein. Er fürchtete, Mocmoc könnte etwas zustossen.

Das Mocmoc-Kinderfest gibt es aber nicht mehr. Es sollte ja zur festen Institution werden.

Gossolt: Das ist wirklich schade, denn es war ein sehr rührender Anlass, bei dem viele mitgeholfen haben. Kinder für Kinder. Heute wären die damaligen Kinder gross genug, das Fest selber in die Hände zu nehmen.

Hedinger: Vielleicht ist das der Zeitpunkt für einen Aufruf: Liebe Romanshorner: Vergesst den Streit von früher. Lasst uns etwas für die Kinder tun und wieder ein Fest organisieren. Wenn Ihr wollt, helfen wir mit. Es gibt nichts zu befürchten, wir sind älter geworden, es geht längst nicht mehr um Provokation und Aufmerksamkeit – sondern um Dialog und Nachhaltigkeit.

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