Mit Restrisiko auf die Bühne

Spontanen Einsatz zeigt Marcus Coenen bei den Schlossfestspielen in Hagenwil. Er springt zwei Tage vor der Premiere für den erkrankten Hauptdarsteller Jan Opderbeck ein. Gestern Sonntag stand er das letzte Mal auf der Hagenwiler Bühne.

Luisa Gomringer
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Marcus Coenen Schauspieler und Leiter des Theaters Eisenach (Bild: pd)

Marcus Coenen Schauspieler und Leiter des Theaters Eisenach (Bild: pd)

Herr Coenen, was dachten Sie im ersten Moment, als Florian Rexer, der Regisseur von den Schlossfestspielen, Sie angerufen hat und fragte, ob Sie die Rolle des Jack Worthing übernehmen wollen? Und das ganze nur gerade zwei Tage vor der Premiere?

Marcus Coenen: Die erste Frage, die ich mir gestellt habe, war: Ist es überhaupt möglich? Einerseits weil ich gerade mit der Familie meine Ferien in Holland genoss und so neun Stunden Fahrt auf mich nehmen musste. Und andererseits, ob es überhaupt möglich wäre, den Text zu lernen bis zur Premiere. Da Florian Rexer ein guter Freund von mir ist, sass ich dann doch eine halbe Stunde nach dem Telefonat im Auto Richtung Schloss Hagenwil.

Haben Sie schon einmal eines der vorherigen Schlossfestspiele gesehen und waren so schon vertraut mit der Location?

Coenen: Dazu gibt es eine Geschichte. Florian Rexer und ich haben zusammen die Schauspielschule in Freiburg besucht, uns jedoch für 14 Jahre aus den Augen verloren. Per Zufall habe ich letzten Sommer durch Facebook erfahren, dass er, genau wie ich in meinem Theater auf der Wartburg in Eisenach, das berühmte Stück «Romeo und Julia» in Hagenwil aufführt. Ich wollte mir das Stück natürlich ansehen, und so trafen wir uns hier in Hagenwil wieder und blieben seit dem durch Zusammenarbeit bei Dinner Events in Kontakt. Das heisst, ich wusste, wo ich hinkomme.

Bei der Besprechung mit Rexer wurde dann doch klar, dass die Rolle von Jack Worthing selbst für einen Profi nicht in kurzer Zeit zu lernen ist, und Sie übernahmen so die Rolle des Pfarrers Chasuble. Trotz kleinerer Rolle sind zwei Tage knapp. Wie lernt man in so kurzer Zeit den ganzen Text und die Bewegungen?

Coenen: Ich hatte hier sehr viel Unterstützung von der Truppe. Einige kannte ich schon und mit dieser angenehmen Atmosphäre im Rücken lernte ich schnell den Text und die Bewegungen dazu. Ausserdem gilt beim Theater sowieso: einfach auf die Bühne rauf und machen.

Kommt da nicht auch mal die eine oder andere Unsicherheit auf?

Coenen: Doch, klar, aber da hatte ich ja Glück mit meiner Rolle. Als Pfarrer spielt man oft unsichere, zurückhaltende Charaktere, und was ist besser, als eine schüchterne Person zu spielen, wenn man selber gerade unsicher ist? Ich mag es allgemein, wenig zu proben. Dann bleibt ein Restrisiko und das Stück bleibt sexy.

Dann haben Sie schon öfters in kurzer Zeit ein Theaterstück geprobt?

Coenen: Ja, ich habe ein Stück geschrieben, und wir haben es nur zwei Wochen geprobt. Aber ich würde so etwas auch nicht machen, wenn ich nicht genau wüsste: Was kann ich und was kann ich nicht. Mit 20 Jahren Schauspielerfahrung kriegt man langsam ein Gespür dafür.

Gefällt Ihnen die Rolle als Pfarrer?

Coenen: Auf jeden Fall, denn ich mag diese unsicheren Wackelrollen und das Stück allgemein. Das sprachliche Niveau in «Ernst sein ist alles oder Bunbury» beeindruckt mich.

Was wäre denn Ihre Traumrolle?

Coenen: Die Rolle Richards des Dritten aus Shakespeares Drama «Richard der Dritte» und auch «Der eingebildete Kranke» von Molière würde mich sehr reizen. Doch für diese Rollen bin ich einfach noch zu jung. So ist das halt beim Schauspiel: Für manche Rollen ist man schon zu alt und bedauert es, sie nie gespielt zu haben, und für andere wiederum fehlt noch die Reife.

Da der wegen einer Blinddarmentzündung ausgefallene Schauspieler Jan Opderbeck nächstes Wochenende wieder bereit zum Spielen ist, werden Sie am Sonntag das letzte Mal auf der Bühne stehen. Bedauern Sie es?

Coenen: Ehrlich gesagt, habe ich gar keine Zeit, um etwas zu bedauern. Es war sehr schön hier, und es ist traurig, dass es vorbei ist, jedoch vermisse ich auch meine Frau und meine drei Kinder. Die jüngste Tochter hat in der Zeit laufen gelernt und da reut es einem schon, nicht dabei gewesen zu sein. Zusätzlich muss ich natürlich auch wieder meinen Pflichten nachgehen. Ich bin Stadtrat in Eisenach und führe Regie beim Sommertheater «Der eingebildete Kranke» auf der Wartburg.

Kann man sich auf weitere Zusammenarbeit mit Florian Rexer freuen?

Coenen: Geplant ist noch nichts, doch ich hätte eine Riesenlust dazu. Natürlich würde ich mich auch freuen, die Schauspieler auf die Wartburg zu holen.