Mit König Ulrich war's noch lustig

In Weinfelden lebten einst sonderbare Leute. König Ulrich I. war so einer. Vor knapp 300 Jahren nahm er das Zepter in die Hand und verhalf der Fasnacht zu neuer Blüte – bis es den Geistlichen im Dorf zu viel wurde.

Esther Simon
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Der Weinfelder Künstler Heinz Hamann malte für die Thurgauer Zeitung ein Porträt von König Ulrich I. (Bild: Esther Simon)

Der Weinfelder Künstler Heinz Hamann malte für die Thurgauer Zeitung ein Porträt von König Ulrich I. (Bild: Esther Simon)

WEINFELDEN. Heute ist Schmutziger Donnerstag: Zeit, sich an den König Ulrich I. zu erinnern, der Johann Ulrich Keller hiess und aus dem Weinfelder Ortsteil Gontershofen stammte. Keller hatte 1726 – als 24-Jähriger – die Idee, die Fasnachtsumzüge wieder zu beleben, die wohl seit 1600 jeweils an Aschermittwoch durchs Dorf liefen, die aber seiner Ansicht nach immer etwas mager ausfielen. Von dieser Idee waren die Weinfelder dermassen begeistert, dass sie Keller prompt zum König Ulrich I. ernannten. Seine Regentschaft sollte 50 Jahre dauern. Als Ulrich 1776 im Alter von 74 Jahren starb, wurde er unter der Bezeichnung «König» in das pfarramtliche Totenregister eingetragen.

Eine Salve für den Obervogt

Der 2006 verstorbene Lokalhistoriker Hermann Lei hat die örtliche Fasnachtsgeschichte im Buch «Weinfelden» aufgeschrieben. Demnach waren die Fasnachtsumzüge, die Ulrich I. 1726 wieder belebt hatte, auf Anhieb ein Erfolg. Zunächst ging es zum Schloss hinauf, wobei der König und zwei Diener zu Pferd waren, die übrigen Teilnehmer zu Fuss. Im Schlosshof – vor dem zürcherischen Obervogt – schoss man zu dessen Ehre eine Salve und erhielt dafür einen Trunk.

Aus einem Pergament verkündete der Schreiber dem Obervogt, dass man ihm – der doch auf die Lustbarkeiten in seiner Vaterstadt verzichten müsse – mit diesem Umzug einen kleinen Ersatz bieten wolle.

Drei Tage und drei Nächte

Danach zog die Fasnachtsgesellschaft ins Dorf hinunter, unter Abfeuerung weiterer Salven. Von der «Trauben»-Treppe herab verlas man so etwas wie eine Schnitzelbank, lief durchs Dorf, damit die Bevölkerung auch etwas vom Umzug hatte, und liess sich schliesslich in den Gewölben des «Traubens» nieder, wo man drei Tage und drei Nächte feierte. Allerdings unter strengen Auflagen, wie bei Hermann Lei nachzulesen ist.

Weil sich die 40köpfige Fasnachtsgesellschaft «Ehrenparlament» nannte, war man einer festen Ordnung verpflichtet. Wer an der königlichen Tafel einschlief, rauchte, fluchte, schwor oder mehr ass und trank, als er zu behalten vermochte, wurde gebüsst. Ulrich verheiratete sich erst mit 60 Jahren und leitete danach noch 13 Jahre das «Parlament».

Schluss mit lustig

Die Einwohner von Weinfelden freuten sich über das lustige Treiben. Dem evangelischen Pfarrer und dem Kapitelsdekan waren die Saufgelage aber offenbar schon länger ein Dorn im Auge gewesen, wie Hermann Lei schreibt. 1786 war jedenfalls Schluss mit lustig. Die Zürcher Regierung verbot den Umzug und das Gelage. Ulrich I. hat das alles nicht mehr miterleben müssen. Der Weinfelder Künstler Heinz Hamann ist fasziniert von dieser Geschichte. Auf Anfrage der Thurgauer Zeitung malte er ein Bild von Ulrich I. an der festlichen Tafel im «Trauben». Vielleicht hat der König tatsächlich so ausgesehen.

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