Mit der Eisenbahn kam der «Bodan»

ROMANSHORN. Das Bodanareal ist ein Dauerthema in Romanshorn. Die Thurgauer Zeitung nimmt den laufenden Investoren-Wettbewerb zum Anlass, auf die «Bodan»-Geschichte zurückzublicken. Im ersten Beitrag geht es um den plötzlichen Hotelbedarf im 19. Jahrhundert und den langen Weg zum Saal.

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Ein Saal für Romanshorn: 1938 wurde dieser in Angliederung an das bestehende Hotel Bodan Tatsache. (Bilder: zVg)

Ein Saal für Romanshorn: 1938 wurde dieser in Angliederung an das bestehende Hotel Bodan Tatsache. (Bilder: zVg)

Es gibt «Sachen», die sind für Auswärtige fast unverständlich, lassen aber bei Einheimischen heftige Emotionen aufkommen. In Romanshorn ist es das vor 150 Jahren erbaute Hotel Bodan und insbesondere der später hinzugekommene Saal.

Am 19. April 1856 kaufte Restaurateur Hermann Mayer von der Nordostbahn und den Herren «Beutner & Co.» Boden zur Erstellung des Hotels. Woher Mayer kam und was seine Beweggründe waren, gerade hier zu bauen, lässt sich heute nicht mehr eruieren.

Die Zugreisenden hatten Angst

Immerhin vermutet der Romanshorner Dorfchronist Jakob Schoop in seiner 1945 publizierten «Geschichte von Romanshorn», dass es in der Frühzeit der Eisenbahngeschichte vor allem die Angst der Reisenden gewesen sei, welche Gasthäuser und Hotels wie den «Bodan» wie Pilze aus dem Boden schiessen liess. Schoop schreibt: «Bekanntlich glaubte man früher, immer noch <eins> nehmen zu müssen, bevor man sich den rollenden Rädern anvertraute. Diesem Bestreben Rechnung tragend, entstanden überall in der Nähe der Eisenbahnstationen Hotels und Restaurants.»

Aufschwung im «Fischerdorf»

Der Bau des Hotels Bodan fällt in eine Epoche des gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Aufbruchs. Dieser nimmt im «Fischerdorf» seinen Anfang, als die Romanshorner 1835 bei der Regierung in Frauenfeld eine Bittschrift zum Bau eines grösseren Hafens für die aufkommenden Dampfschiffe einreichen. Wenig später beschliesst der Kanton – auf Bitten der Romanshorner Schiffsleute und des Gemeinderates – den Bau einer richtigen Landstrasse zwischen Amriswil und Romanshorn. Um 1840 macht sich diese Strasse schon positiv für Romanshorn bemerkbar, wird das Dorf doch mehr und mehr zum Umschlagplatz.

1844 verfügt Romanshorn über den grössten Hafen am Bodensee. Handels- und Personenverkehr blühen auf und mit letzterem auch der Tourismus. Von überallher kommen die Leute, um den neuen Hafen zu bestaunen, und machen eine Rundreise per Dampfschiff. Die Ortschaft zählt bald einmal 42 Wirtschaften.

Einen weiteren Höhepunkt in der Geschichte bedeutet die Einweihung der Bahnstrecke von Romanshorn nach Winterthur und Zürich im Jahr 1855. Bald darauf schlägt wie erwähnt die Geburtsstunde des Hotels Bodan.

Eine gute und teure Adresse

Da vor 1870 noch keine Register über die erteilten Wirtschaftspatente auf der Gemeindekanzlei Romanshorn geführt wurden, ist heute nicht mehr genau nachvollziehbar, wer in der ersten Zeit im Hotel Bodan wirtete. Immerhin ist durch eine mündliche Überlieferung gewiss, dass unmittelbar vor 1870 der Vater von Kommandant Heinrich Guhl den «Bodan» geführt haben muss.

Wie bekannt und angesehen das Haus ist, zeigt sich im «Klagelied über Romanshorn», das 1876 einige Romanshorner aufführen. Nach der Melodie zum deutschen Volkslied «Auf de Schwäb'sche Eisenbahne» heisst es: «Hotel Bodan ist der erste, doch nur für die noblen Gäste. Wer nicht Geld hat grad wie Dreck, bleib vom Hotel Bodan weg.»

Vereine wünschen einen Saal

In den folgenden Jahrzehnten wechseln mehrmals Besitzer und Pächter. Der rege Handel offenbart, dass die Immobilie einen gewichtigen Mangel aufweist: man kann in ihr zwar vermögende Gäste beherbergen, aber keine kommerziell ergiebigen Grossveranstaltungen durchführen

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts beklagen immer mehr Romanshorner Vereine die ungenügenden Platzverhältnisse für öffentliche Anlässe wie Unterhaltungs- oder Theaterabende. Ein Silberstreifen am Horizont tut sich erst auf, als Lehrer Anton Künzle 1933 eine Saalbaukommission gründet. 1935 sprechen sich die versammelten Vereine einstimmig für einen Saalbau aus. Dieses deutliche Zeichen veranlasst die Kommission des Wasser- und Elektrizitätswerkes Romanshorn dazu, die finanziellen Mittel für Vorstudien zur Verfügung zu stellen. Die Saalbaukommission nimmt ihre Arbeit auf breiter Basis auf.

«Bodan» macht das Rennen

Auf ein Inserat hin, in dem die Kommission nach geeigneten Bauplätzen sucht, melden sich sechs Immobilien- und Grundstückeigentümer – darunter auch der Besitzer des «Bodan», Metzgermeister und Gemeinderat Eduard Widler. Anfang 1937 schält sich immer mehr die Idee der Angliederung des Saalbaus an das bestehende Hotel Bodan heraus.

Dann geht es auf einmal sehr schnell. Die Architekten Wildermuth (Winterthur) und Zöllig (Arbon) taxieren am 11. Februar 1937 in einem Gutachten, dass ein Kaufpreis von 240 000 Franken für das Hotel Bodan angemessen sei – zumal der bauliche Zustand «gut» sei. 16 Tage später erwirbt die Saalbaukommission den «Bodan».

Der Finanzierungsplan sieht Saalbaukosten von 450 000 Franken vor. Bund und Kanton sprechen fünfstellige Beiträge, und die Kommission des Wasser- und Elektrizitätswerkes beschliesst 120 000 Franken à fonds perdu zu zeichnen.

Deutliches Ja zum Saalbau

Stimmen, welche anfänglich vor einem finanziellen Desaster warnten, gehen in der allgemeinen Saalbau-Euphorie unter. Als Gemeindeammann Jakob Annasohn an einer öffentlichen Informationsveranstaltung in der Turnhalle erklärt, dass sich die Gemeinde mit 60 000 Franken am Saalbau beteiligen wolle, wird nicht einmal mehr die Diskussion benützt. Romanshorn sagt am 10. Juli 1937 mit 922 zu 305 Stimmen deutlich Ja zum Saalbau.

20 Tage nach der Abstimmung wird die Saalbau-Genossenschaft Romanshorn gegründet. Der Nennwert der ausgegebenen Anteilscheine beläuft sich auf 250 Franken. Knapp zwei Monate später fahren Bagger auf. Selbst an Heiligabend wird gearbeitet: «Betonieren des östlichen Drittels der Eisenbetondecke über dem Untergeschoss», lautet am diesen Datum ein Vermerk.

Brand kein Zufall?

Ende Januar kommt es zur «Katastrophe», brennt doch die «Bodan»-Scheune ab, was die Verwaltung dazu zwingt, neu zu planen. Sie beschliesst, die Brandruine zu beseitigen und ein neues Garagengebäude zu erstellen. In Romanshorn munkelt man, dass der Brand vielleicht kein Zufall gewesen sei. In der Saalbau-Sonderausgabe der «Schweizerischen Bodensee-Zeitung» anlässlich der Einweihung im September 1938 schreibt ein nicht namentlich genannter Schüler leicht ironisch: «Ein glückliches Geschick wollte, dass die alte, die Gegend verunstaltende Scheune abbrannte, an deren Stelle jetzt eine grosse Garage steht, in der fünf Autos Platz haben.»

Bei der feierlichen Einweihung staunen die Besucher über den 24 Meter langen, 14 Meter breiten und 9 Meter hohen Bau, welcher bis zu 700 Personen Platz bietet und damals in der weiteren Region konkurrenzlos ist. Der Saal sei nicht nur für Vereinsanlässe, sondern auch für nationale Tagungen und internationale Kongresse geeignet, heisst es. Dass die effektiven Baukosten am Ende 150 000 Franken über Budget liegen, glaubt man in Romanshorn verschmerzen zu können...

(Teil zwei folgt)

Verfasser der Geschichte des Hotels Bodan und des Bodansaals ist Journalist Christof Lampart. Er betreibt in Bronschhofen ein eigenes Pressebüro.

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&hellip;und einige Jahre nach dem Saalbau in seiner heutigen Grösse.

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Der «Bodan» zu Beginn des 20. Jahrhunderts&hellip;

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