Mit dem Brot im Hosensack

Dieses Wochenende findet das Amriswiler Motocross zum 47. Mal innerhalb der letzten 50 Jahre statt. «Motocross-Archiv» Bruno Siegenthaler erinnert sich an die Anfänge. Zweimal musste der Standort gewechselt werden: wegen wütender Bauern und wegen der Sandacker-Überbauung.

Roger Häni
Drucken
Teilen
Fahrer 1962 im Tellen – viermal war das Motocross hier zu Gast. (Bild: pd)

Fahrer 1962 im Tellen – viermal war das Motocross hier zu Gast. (Bild: pd)

Bei der Premiere des Amriswiler Motocross war Bruno Siegenthaler elfjährig. Weil sein Vater dem Organisationskomitee angehörte, brauchte es den Buben am Renntag auf dem Hof in Schocherswil. «Es war ein warmer Tag im Juni. Nach getaner Arbeit ging ich als Zuschauer in die Oberau», erinnert er sich. Das Motocross-Fieber – zuerst als Fahrer, dann als Veranstalter – hat Siegenthaler seither nicht mehr losgelassen.

Direkt von der Kirche

Via England und Besatzung in Konstanz in die Ostschweiz gekommen, wuchs der Motocross-Sport in den letzten 50 Jahren zusammen mit der Amriswiler Veranstaltung. Als Austragungsort diente bei der Premiere das coupierte Gelände bei der Kiesgrube in der Oberau. Trotz einem Kassabestand von lediglich 48 Franken habe der Motorclub Oberthurgau, wie der Verein damals hiess, den mutigen Schritt gewagt. Die Motocross-Maschinen seien alle Marke Eigenbau gewesen, erzählt Siegenthaler, und manche Fahrer seien sogar mit (vor dem Start leicht modifizierten) Strassenmaschinen angetreten. Die Neugier auf das neue Spektakel lockte 5000 Besucher in die Oberau. Manche seien im schwarzen Anzug direkt von der Kirche anmarschiert, ehe sie abends wieder in den Stall mussten, berichtet Bruno Siegenthaler. Doch seien 1958 auch Autos schon verbreitet gewesen. Einziges Manko der sehr gelungenen Premiere war das Fehlen von Parkplätzen. «Die Fahrzeuge wurden überall abgestellt, auch ins hohe Gras. Dies behagte den betroffenen Bauern gar nicht und sie wollten trotz Entschädigung keine weitere Auflage des Rennens in ihrem Gebiet.»

Mitten durch Schrebergarten

Der überraschende Aufmarsch hatte den Motorclub Oberthurgau zum Weitermachen an einem anderen Ort beflügelt. Fündig wurde er im Tellen, dem heutigen Sandacker-Quartier – damals ein Landwirtschaftsgelände mit Kornfeldern, Wiesen, Böschungen, einer Kies- sowie einer Abfallgrube. Die Landbesitzer seien Feuer und Flamme gewesen für das Motocross. «Hebamme Bär hat ihren Garten zur Verfügung gestellt, damit um ihren Obstbaum herumgefahren werden konnte», erinnert sich Siegenthaler. Weiter führte die Strecke mitten durch den Schrebergarten des Herrn Forsthuber. Sorgsam habe er seine Erdbeeren abgedeckt, um sie vor dem aufgewirbelten Staub zu schützen. Bei erneut schönem Wetter war der Zuschaueraufmarsch wieder erfreulich.

So fand das Amriswiler Motocross im Tellen seine Fortsetzung. Mit zwei eigens fürs Rennen gebauten Holzbrücken über den Bach wurde das Gelände 1962 sogar erweitert. Doch dann die Hiobsbotschaft: das Gelände musste einer Überbauung weichen. Es galt, ein neues Gelände zu suchen. Weil man 1963 nicht fündig wurde, fand die sechste Auflage erst 1964 statt. «In der Bürglen musste mehr Rücksicht auf die Landwirtschaft genommen werden. Um den Ausfall für die Bauern gering zu halten, fand das Motocross fortan im Herbst statt.» Von 1967 bis 1969 folgte erneut eine Pause. «In der damaligen Zeit war es dem Verein aus finanziellen und personellen Gründen nicht möglich, zwei Grossveranstaltungen in einem Jahr zu organisieren», erzählt Siegenthaler. Und so musste das Motocross einmal dem Schweizerischen Verbandstreffen und zweimal einem Rasenrennen weichen. Das nächste Motocross fand 1970 statt, obwohl das Rasenrennen in Sitterdorf noch einige Jahre weitergeführt wurde.

12 000 in den Sechzigern

Die höchsten Besucherzahlen verzeichnete das Amriswiler Motocross gemäss Bruno Siegenthaler aber in den Sechzigerjahren. Der Rekord liegt bei 12 000. Heute kämen vor allem die Verantwortlichen der Festwirtschaft bei einem solchen Andrang ins Rotieren. Doch damals sei die Verpflegung an der Veranstaltung noch nicht so ein Thema gewesen. «Die Leute kamen verpflegt oder mit einem Brot im Hosensack», berichtet Siegenthaler, der 1972 das OK-Präsidium übernahm und noch heute dem Vorstand des Amriswiler Motocross angehört.

Aus langjähriger Erfahrung weiss Bruno Siegenthaler, dass die am Dienstag gestellte Wetterprognose entscheidend für viel Publikum am Wochenende ist. Das Strahlen im Gesicht des 61jährigen lässt keinen anderen Schluss zu: Petrus wird es zum vierten Mal in Folge gut meinen mit der traditionsreichen Veranstaltung.

Aktuelle Nachrichten