Mit 66 fängt das Leben an

Seine 66. Bochselnachtsitzung hat das Weinfelder Gemeindeparlament gestern abend im Rathaus abgehalten.

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Stolz tragen die Kinder ihre Bochsellichter durch das verdunkelte Dorf. (Bild: Reto Martin (Reto Martin))

Stolz tragen die Kinder ihre Bochsellichter durch das verdunkelte Dorf. (Bild: Reto Martin (Reto Martin))

Seine 66. Bochselnachtsitzung hat das Weinfelder Gemeindeparlament gestern abend im Rathaus abgehalten. In freudiger Erwartung der traditionellen, feucht-fröhlichen «Nachsitzung» – der einzigen Sitzung, über welche die Zeitung nach einem ungeschriebenen Gesetz nichts schreiben darf – versammelt sich das Parlament bereits um 18 Uhr. Insiderberichten zufolge sollen aber genau dann die gescheitesten Reden des ganzen Jahres gehalten werden. Kaum ist Parlamentspräsident Walter Knill zur geheimen Abstimmung über die Einbürgerungsanträge geschritten, unterbricht er die Sitzung schon wieder, lässt das Licht im Saal löschen und Balkontüre und Fenster öffnen.

Nicht schön, aber laut

Um den Rathausbrunnen herum haben sich, wie in all den vielen Jahren zuvor, Hunderte von Primar- und Sekundarschülern mit ihren ausgehöhlten und geschnitzten Räbeliechtli und den prächtigen Laternen versammelt, die jedes Jahr wieder neu angefertigt werden. Und wie in all den vielen Jahren zuvor erklingt aus Hunderten von Kehlen Nägelis Lied «Freut Euch des Lebens».

Vom Brunnenrand herab dirigiert Lehrer Samuel Curau die fröhliche Sängerschar, die sich insbesondere beim Refrain ins Zeug legt. Eine Bläsergruppe des Musikvereins Weinfelden begleitet den Vortrag. Einige Parlamentarier singen kräftig mit, die einen auswendig, die anderen ab Blatt. Der Gesang ist nicht sehr schön, aber laut und hat seinen Zweck somit erfüllt. Gestern abend sind die bösen Geister wieder einmal aus Weinfelden vertrieben worden.

Zufriedene Parlamentarier

Derweil brennen die Bochsellichter still und ruhig an diesem milden Abend. Keinen interessiert, ob das bochseln nun vom Wort boxeln kommt, das so viel heisst wie klopfen oder Unfug treiben, oder ob der Brauch auf jene junge Weinfelder zurückgeht, die 1629 zu Trinkgelagen auszogen, um ihre Angst vor der damals wütenden Pest im Alkohol zu ertränken. Und prompt überlebten.

Das Licht im Saal geht wieder an, die Parlamentarier kehren an die Plätze zurück. Gemeindeammann Max Vögeli erläutert die Ziele bis 2016. Die Parlamentarier sind zufrieden. Wie sang doch Udo Jürgens: Mit 66 fängt das Leben an. Esther Simon

Die Lichter erhellen die strahlenden Gesichter. (Bild: Reto Martin (Reto Martin))

Die Lichter erhellen die strahlenden Gesichter. (Bild: Reto Martin (Reto Martin))

Zauber- und geisterhafte Laternen auf dem Rathausplatz: Weinfelder Sekundarschüler fertigen sie jedes Jahr neu an. (Bilder: Reto Martin)

Zauber- und geisterhafte Laternen auf dem Rathausplatz: Weinfelder Sekundarschüler fertigen sie jedes Jahr neu an. (Bilder: Reto Martin)