«Mir macht Fasnacht Spass»

Die Beizenfasnacht ist vom Aussterben bedroht: Der «Flurhof» in Kreuzlingen ist das letzte dekorierte Lokal in der Stadt. Der Wirtin Christine Neuweiler liegt die fünfte Jahreszeit am Herzen.

Michèle Vaterlaus
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Christine Neuweiler (Mitte) bedient ihre Stammgäste von der Tägerwiler Guggenmusik Rhytüfeli. Die Beiz ist als Zirkusmanege dekoriert. (Bild: Michèle Vaterlaus)

Christine Neuweiler (Mitte) bedient ihre Stammgäste von der Tägerwiler Guggenmusik Rhytüfeli. Die Beiz ist als Zirkusmanege dekoriert. (Bild: Michèle Vaterlaus)

KREUZLINGEN. Man sieht es ihr nicht an, aber Christine Neuweiler hat die letzten Tage wenig Schlaf bekommen. «In der Fasnachtszeit ist das immer so», sagt sie. Denn der «Flurhof», die Beiz der 52-Jährigen, ist das einzige Lokal in der Umgebung, das zur Fasnachtszeit dekoriert ist – sechs Wochen lang. In dieser Zeit gibt es auch ein paar Freinächte, wie die Wirtin sagt. Besonders intensiv sei aber die Woche ab dem Schmutzigen Donnerstag. Guggenmusiker, Fasnachtsfans und Stammgäste wollen die Atmosphäre in der Beiz an der Romanshornerstrasse in Kreuzlingen geniessen.

Dieses Jahr hat Christine Neuweiler ihre Beiz in eine Zirkusmanege verwandelt. Bereits am Eingang grinsen riesige Clowngesichter die Gäste an. Das Buffet mit dem Bierzapfhahn ist wie ein rot-gelbes Zelt geschmückt und Bilder mit dressierten Tigern zieren die Wände. Warum sie seit 20 Jahren ihr Lokal so aufwendig dekoriert? «Ich mache einfach gerne Fasnacht», begründet sie. Sie gehe zwar nicht an Maskenbälle oder an Umzüge – «dafür habe ich als Beizerin gar keine Zeit» –, aber in ihrem Lokal soll der Fasnachtsbrauch gelebt werden.

20 verschiedene Dekos

Angefangen hat alles, als Christine Neuweiler ihre erste Stelle im Service im Rheintal antrat. «Der Wirt von damals hatte seine Beiz dekoriert. Mich hat das fasziniert», erzählt sie. Deshalb dekoriert sie nun auch ihre eigene Beiz. Seit 20 Jahren lässt sie sich immer wieder ein neues Motto einfallen. Der «Flurhof» war schon ein Dschungel, ein Zigeunerlager und ein Fussballstadion.

Die Ideen sind der Kreuzlingerin noch nicht ausgegangen. «Im Fall der Fälle hat mein Dekorateur ein Album, da gibt es immer wieder neue Inspirationen», sagt sie. Von diesem Dekorateur mietet sie jeweils die Fasnachtsutensilien. Hat sich die Wirtin für ein Motto entschieden, muss sie sich etwa einen Tag Zeit nehmen, um ihr Restaurant komplett zu verkleiden. Doch das Ergebnis ist ihr den Aufwand wert. «Die Beizenfasnacht ist am Aussterben. Ich versuche die Tradition zu erhalten», sagt sie. Früher habe es an einer Strasse bis zu fünf dekorierte Lokale gegeben. «Heute muss man danach suchen. Es gibt eher Table-Dance-Angebote mit überteuerten Getränken. Bei mir ist das nicht so.»

Für den letzten Hunger

Weil die Beizenfasnacht am Aussterben ist, darf bei «Chrigel» – wie die Wirtin von ihren Gästen genannt wird – die fünfte Jahreszeit umso ausgiebiger gelebt werden. «Wir haben ihr einmal zehn Kilo Konfetti ins Restaurant gebracht und über den ganzen Boden verteilt», sagt Joe Ammann von der Tägerwiler Guggenmusik Rhytüfeli. Die Wirtin nimmt solche Streiche mit einem Lächeln hin. «Das gehört dazu.» Die Rhytüfeli gehören während der Fasnachtszeit übrigens fast zum Inventar des «Flurhofs». «Für uns ist das Lokal in diesen Wochen wie ein zweites Zuhause», sagt Joe Ammann. «Oft kommen wir nach einem Auftritt her und bleiben bis zum Schluss. Wir stillen hier unseren letzten Hunger.» Die Wahl sei unter anderem auf den «Flurhof» gefallen, weil er fasnächtlich geschmückt ist.

Auch ein 50jähriger Stammgast des Lokals ist begeistert von der Deko. «Das ist für mich Kunst. Die Dekoration ist gut gemacht und deswegen herrscht hier eine spezielle Atmosphäre.» Sein 62jähriger Sitznachbar ist nicht ganz dieser Meinung: «Mir gefällt das zwar schon. Aber sechs Wochen sind mir ein bisschen zu lange.»

Die Zeit verkürzen

Die sechs Wochen sind auch für Christine Neuweiler eine lange Zeit und bedeuten für sie harte Arbeit. «Vielleicht verkürze ich den Zeitraum.» Denn trotz des Schlafmankos: Ganz aufgeben will sie die Fasnacht nicht. «Jemand muss schliesslich den Brauch pflegen, sonst geht er in Kreuzlingen noch ganz verloren.»