«Mehr geht nicht in einem Jahr»

Der Romanshorner Stadtpräsident David H. Bon kann auf ein gutes Jahr zurückblicken. «Ich bin zufrieden», sagt er im Interview. Bon macht sich aber auch Sorgen, vor allem wegen des Zolles: «Die Schliessung wäre eine Katastrophe.»

Markus Schoch
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Stadtpräsident David H. Bon auf der neuen Hafenplattform, die auch dank finanzieller Hilfe der Stadt zu einer Attraktion geworden ist. (Bild: Reto Martin)

Stadtpräsident David H. Bon auf der neuen Hafenplattform, die auch dank finanzieller Hilfe der Stadt zu einer Attraktion geworden ist. (Bild: Reto Martin)

Herr Bon, Weihnachten steht vor der Tür. Haben Sie alle Geschenke gekauft?

David H. Bon: Nein, ich kaufe eigentlich wenig Geschenke, wenn überhaupt. In der Familie sind wir überein gekommen, dass wir uns unter dem Jahr beschenken, wenn jemand eine gute Idee hat, vor allem aber füreinander da sind.

Die Verwaltung ist zwischen Weihnachten und Neujahr geschlossen. Gehen Sie Ski fahren?

Bon: Meine Frau arbeitet, so fahre ich wahrscheinlich zwei oder drei Tage in die Berge, wo ich laufen werde. Dann werde ich auch ein bisschen arbeiten, aufräumen und so.

Es war ein gutes Jahr für Romanshorn und für Sie als Stadtpräsident: Die Wirtschaft investiert am Ort, das Hafengebiet entwickelt sich, und die Weichen für die Zukunft sind mit dem Richtplan gestellt. Sind Sie rundum zufrieden?

Bon: Ich bin zufrieden. Es läuft etwas, die Kraft ist da. Vieles ist gut vorbereitet, und wir sind bereits unterwegs. Mehr kann man in einem Jahr nicht erreichen. Aber ich weiss auch, dass wir erst am Anfang eines langen Weges stehen. Immerhin wissen wir jetzt, wohin es in etwa gehen soll. Wir haben eine Karte, einen Kompass und ein Ziel. Zwischendurch werden Nebelschwaden heraufziehen, da müssen wir gut achten, die Orientierung nicht zu verlieren.

Und wie geht es der Bevölkerung auf dieser Reise? Ist sie auch zufrieden?

Bon: Ich habe sehr das Gefühl, dass sie zufrieden ist. Ich bekomme gute Rückmeldungen. Beispielsweise am Weihnachtssingen, wo mich jemand fragte: Ist das nicht einfach schön? Ja, es ist schön, und wir dürfen diesen Moment geniessen.

Was hat Sie im ablaufenden Jahr am meisten gefreut?

Bon: Generell die gute Stimmung in der Stadt. Man muss sich aber bewusst sein, dass es nicht immer so sein wird. In Bezug auf den Stadtrat hat mich gefreut, dass der Übergang so gut gelungen ist. Wir haben Ruhe im Boot.

Was hat Sie am meisten geärgert?

Bon: Was Romanshorn anbelangt, fällt mir nichts ein. Ich ärgere mich ab und zu über die Politik (lacht). Und zuweilen über mich selber, wenn ich finde, dies oder jenes hätte ich besser machen können.

Romanshorn spielt im Konzept für eine Landesausstellung in der Ostschweiz eine zentrale Rolle im Thurgau. Besser geht es nicht.

Bon: Das ist so. Vielleicht war es naheliegend mit Hafen und Bahnhof. Aber nicht nur. Es gibt andere schöne Orte in der Region, die Platz haben. Wir hätten auch einfach das Tor zur Expo sein können. Dass wir darüber hinaus Standort sind, ist ein Glücksfall. Wir haben dank der Stadtplanung ein Gesamtkonzept, das uns erlaubt, auf die Expo zu reagieren. Unwissend, aber vorausahnend haben wir die Weichen gestellt. Nun arbeiten wir an der Vorbereitung der Umsetzung, beispielsweise mit der Über- oder Unterführung ins Hafengebiet. Wir müssen irgendwie die vielen Besucher auffangen können. Die bestehende Unterführung reicht sicher nicht. Der Kanton sieht es allerdings anders. Das sei ein Gemeindeprojekt, heisst es lustigerweise.

Das Glück von Romanshorn ist das Pech aller anderen. Spüren Sie einen gewissen Neid?

Bon: Nein, es gibt immer eine gewisse Standortrivalität. Wir verstehen uns als Drehscheibe und als Tor zur Expo, von wo aus die Besucher nach Frauenfeld oder Kreuzlingen fahren können. Oder nach Amriswil, einer Stadt, mit der wir zusammen eine Agglomeration bilden. Aber ich kann es nachvollziehen, wenn sich jemand zurückgesetzt fühlen würde. Wir hätten manchmal auch gerne ein paar hundert Millionen Franken Spitalgelder. Oder eine Hochschule im Oberthurgau. Aber davon redet niemand. Schauen Sie sich einmal die Investitionsrechnung des Kantons an. Da sieht man, wohin das Geld fliesst. Romanshorn hatte lange die Rolle des hässlichen Entleins. Ich will nicht sagen, dass wir jetzt der weisse Schwan sind, aber es entwickelt sich etwas. Und man nimmt uns ernst.

Doch die Aussichten sind nicht nur gut: Der Zoll soll geschlossen werden, und das Schloss steht zum Verkauf.

Bon: Die Besitzer des Schlosses müssten vielleicht noch zwei Jahre durchhalten, und dann würde es laufen. Jetzt ein Restaurant an dieser Lage zu schliessen, ist fast paradox. Der Bedarf am Hafen ist so gross. Aber ich habe auch Verständnis für die Schlossbesitzer. Wenn der Businessplan nicht aufgeht, zieht irgendwann irgendjemand die Reissleine. Der Hafen braucht das Schloss und das Schloss braucht den Hafen.

Und der Zoll?

Bon: Würde er geschlossen, wäre das eine Katastrophe für Romanshorn. Dass der Zolldirektor die Zusammenhänge im Detail nicht kennt, mache ich ihm nicht zum Vorwurf. Es ist jetzt deshalb an uns, den Verantwortlichen zu erklären, was der Entscheid für weit reichende Folgen hätte. Wenn man eine Transjurane ins Nirgendwo bauen kann, darf man den Oberthurgau nicht so behandeln. Wir haben nicht einmal die BTS. Der Entwicklungsbedarf in der Region ist anerkannt. Gefordert ist jetzt Bundesrätin Leuthard. Die Fähre ist eine Brücke über den See. Wenn es sie nicht mehr gibt, wird das Wasser zur Barriere. Und wir wollen eine Expo machen! Es kann einfach nicht sein, dass man jetzt auch noch die Fährverbindung kaputt macht, nachdem in Romanshorn Hunderte Bundesstellen abgebaut worden sind und die Schifffahrtsgesellschaft endlich den Kopf wieder über Wasser gebracht hat.

Ein weiteres Problem ist der Detailhandel, der noch nichts vom Aufschwung spürt. Verschiedene Läden stehen bald leer. Ein Zentrum mit Herz stellt man sich anders vor.

Bon: Der Detailhandel spürt die starke Konkurrenz von Amriswil und vom Ausland. Kommt hinzu, dass die Voraussetzungen in Romanshorn nicht ideal sind, da das Einzugsgebiet beschränkt ist wegen des Sees. Dass es trotzdem noch Detaillisten am Ort gibt, zeigt, wie gut sie tatsächlich sind. Für eine Trendwende braucht es sicher auch neue Konzepte. Wir müssen etwas anbieten, das andere nicht haben. Ein leerer Laden ist deshalb auch eine Chance, sofern er nicht umgenutzt wird. Die Stadt kann insofern helfen, als dass sie gute Rahmenbedingungen für den Detailhandel schafft. Mehr geht nicht. Romanshorn ist aber kein Einzelfall. Es sind alle am Kämpfen. Überall wird vom Aufbau der Innenstädte geredet.

Auch in Romanshorn. Die Einwohner haben nach den Workshops und Stadtgesprächen Lust auf mehr bekommen, doch die Bäume können nicht in den Himmel wachsen, weil das Geld knapp ist. Wird es ein böses Erwachen geben nach den Planspielen der letzten Jahre?

Bon: Nein, das glaube ich nicht. Die Bevölkerung kann selber über jedes einzelne grössere Projekt entscheiden. Wir haben immer klar kommuniziert: Wenn wir investieren, werden wir Schulden machen. Vielleicht gibt es in Teilen der Bevölkerung eine Ernüchterung, wenn sie feststellt, wie viel Geld alles kostet. Und dass sich die Stadt nicht alles leisten kann. Es ist auch in der Verantwortung des Stadtrates, die Risiken einzuschätzen. Wir versuchen deshalb, Zusatzfinanzierungen zu generieren, beispielsweise im Rahmen des Agglomerationsprogramms. Im Wissen darum, wie gross die Erwartungen in Romanshorn sind: Es kann nicht schnell genug gehen. Man vergisst oft, was es beispielsweise alles gebraucht hat, damit die Stadt die Hafenpromenade kaufen und entwickeln konnte. Ich will diese Haltung aber nicht schlecht reden. Im Gegenteil: Es ist genau dieser Pioniergeist von Romanshorn, an dem wir anknüpfen wollen. Die Ungeduld der Bevölkerung ist ein positives Zeichen. Es ist Ausdruck einer Stadt im Aufbruch, die genau solche Menschen anzieht, die zum Mond fliegen wollen, die uns weiterbringen können.

Doch es gibt auch diejenigen, die nichts verändern wollen. Genau diese beiden Haltungen werden Mitte des nächsten Jahres aufeinanderprallen bei der Abstimmung über den Verkauf eines Teils der Hafenpromenade an die Hess Investment, die ein Hotel am Hafen bauen will. Haben Sie keine Angst, dass es mit den alten Grabenkämpfen wieder losgeht?

Bon: Diese Befürchtung habe ich nicht. Wir haben in den letzten Jahren intensiv daran gearbeitet, diese Gräben zuzuschütten, unter anderem durch transparente Kommunikation. Wir haben gelernt, konstruktiv miteinander zu diskutieren. Aber es wird eine harte Auseinandersetzung geben, das ist normal bei dieser Ausgangslage.

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