MANNENBACH: Ganz auf Dienstleistung eingestellt

Der Dorfladen am Untersee tanzt ein bisschen aus der Reihe. Er ist eine erfolgreiche Mischung aus Tante-Emma-Laden und Servicecenter. Inhaber Urs Rickenbach liefert kranken Kunden auch nach Hause.

Margrith Pfister-Kübler
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Zwei Dorfladen-Idealisten: Urs Rickenbach und Martha Widmer. (Bild: Margrith Pfister-Kübler)

Zwei Dorfladen-Idealisten: Urs Rickenbach und Martha Widmer. (Bild: Margrith Pfister-Kübler)

Margrith Pfister-Kübler

kreuzlingen

@thurgauerzeitung.ch

Das Lokal befindet sich an der Hauptstrasse 28 in Mannenbach, dort wo die Strasse abzweigt nach Salenstein. Nebenan war einst die Post – der Ort, an dem Urs Rickenbachs Vater noch zu Lebzeiten als Posthalter wirkte. Heute führt der Sohn an fast gleicher Stelle sein Geschäft. Seit mehr als zehn Jahren ist er als Selbständiger tätig. «Wenn wir schon keine Post mehr haben, muss ich doch den Dorfladen am Leben erhalten.»

Zusammen mit Martha Widmer aus Altnau betreibt Ri­ckenbach sein Geschäft. Es sei ein Dorfladen, wie es ihn eigentlich gar nicht gebe, erzählt Martha Widmer. Beide blenden zurück in junge Jahre, als sie bei der Konsumgenossenschaft, später Volg, in Ermatingen und Altnau tätig waren. Und während sie stolz alles erklären, was das Leben für sie bisher so parat hatte, kommen Kunden ins Geschäft. Deren Wertschätzung für das grosse Engagement ist spürbar. Touristen, die zufällig in den Laden kommen, freuen sich über die frischen Gipfeli und das Obst. Martha Widmer gibt Auskunft über Sehenswürdigkeiten, schnell kreist das Gespräch um die schöne Region.

Reich werden sie mit ihrer Arbeit nicht

«Man kann in diesem Dorfladen alles bekommen, was man wünscht. Was nicht vorrätig ist, das besorgt Herr Rickenbach», beschreibt Gaby Burkhard aus Berlingen den Kundenservice. «Und ich komme extra von Berlingen, damit dieser Dorfladen mehr Umsatz macht und erhalten bleibt. Die machen es nämlich wirklich gut», doppelt die Kundin nach.

Mag sein, dass sich der Dorfladen wirtschaftlich nicht rechnet, oder eben anders rechnet. Was bedeutet schon Existenz­minimum? Es sei doch ein Glück, wenn man nicht mit Gewalt Umsatz machen müsse, erklärt Ri­ckenbach und schiebt sich mit einer Hand eine Haarsträhne hinters Ohr. Das Ladenlokal ist Stockwerkeigentum und gehört Rickenbach. Er gesteht, dass er und Martha Widmer viel Idealismus in diesen Dorfladen investieren und alles nach dem Bedürfnis der Kundschaft ausrichten. Zuversichtlich verkündet er: «Viele scheitern im Leben, weil sie hoch angeben. Ich habe gelernt ‹z’huuse› und bin dabei nicht unglücklich.» Schweigend packt er bei der Hintertür antiquarische Bücher aus einem Einkaufswagen aus und verstaut diese in einem Nebenraum. Ein mögliches zweites Standbein, wenn der Umsatz im Dorfladen harzt. Urs Rickenbach spricht ganz offen von dem, was ihn bewegt, ohne Scheu. Er sei Vielleser und Junggeselle: «Je länger, je überzeugter», sagt er und schaut schmunzelnd einer Schönen hinterher. Dann beruft er sich auf C. G. Jung, Begründer der analytischen Psychologie, reflektiert soziale Verantwortlichkeit und die Frage nach dem tieferen Sinn des Lebens.

Ja, das Leben: Es ändere sich dauernd, aber ein guter Geist bleibe. Menschlichkeit, gepaart mit unauffälliger Hilfsbereitschaft, dafür steht dieser Dorf­laden. «Herr Rickenbach liefert auch alles Gewünschte nach Hause, wenn jemand krank ist. Und wenn etwas benötigt wird, das nicht im Dorfladen zu haben ist, dann geht er auch in den Coop oder in die Migros und kauft es dort für den Kunden ein. Er besorgt alles, was man will», erzählt ein Kunde.

Flexibel seien sie im Angebot mit Produkten aus der Region, alles frisch vom Landwirt. Hedi Rihs vom Chäslädeli Fruthwilen füllt regelmässig die grosse Käseauswahl im Dorfladen auf. «Wirklich frisch, nicht auf Langzeit abgepackt.» Verkäuferin Martha Widmer verrät, dass für die Kochkursküche im Arenenberg alles Nötige im Dorfladen bestellt wird. «Bei uns ist alles frisch. Bleibt ein Salat übrig, nehme ich diesen Heim nach Altnau für meine Hühner.»

Der Laden ist sein Hobby

Die Hauslieferung von Lebensmitteln zur Stärkung des sozialen Systems – ohne Aufpreise – dafür ist Urs Rickenbach auch bekannt. Er klärt schnell und mit hell­wachem Blick auf: «Der Dorfladen ist halt mein Hobby. Ein bisschen Tante-Emma-Laden und ein bisschen Gotthelf-Center, man muss umdenken und die Chancen am Schopf packen.» Rickenbach ist davon überzeugt, dass gerade in diesen unruhigen Zeiten in einem Dorfladen mögliches Glück steckt. Er und Martha Widmer haben den Kompass auf liebenswerte Dienstleistung ausgerichtet. Sie sind zwei «Dorfladen-Idealisten», umzingelt von regionalen Einkaufszentren.