MÄRSTETTEN: Ein einzigartiger Fund

Auf der Baustelle an der Ruberbaumstrasse haben Bauarbeiter einen Findling ausgegraben. Im Stein entdeckten Geologen eine versteckte Steinkohleschicht. Im Thurgau ist das eine Seltenheit.

Iliana Perera
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Die Geologen Peter Schürch und Henry Naef zeigen die Steinkohlelinse im Findling auf der Baustelle in Märstetten. (Bilder: Mario Testa)

Die Geologen Peter Schürch und Henry Naef zeigen die Steinkohlelinse im Findling auf der Baustelle in Märstetten. (Bilder: Mario Testa)

Iliana Perera

iliana.perera@thurgauerzeitung.ch

«Der 25-Tonnen-Bagger konnte den Findling nicht heben», sagt Simon Greminger. Gemäss dem Geschäftsführer der Greminger Tiefbau AG musste der etwa fünf Kubikmeter grosse Brocken von der Baustelle in Märstetten deshalb weggerollt werden.

«Wir rechnen mit zwei bis zweieinhalb Tonnen Gewicht pro Kubikmeter», sagt Henry Naef, Geologe und Mitarbeiter der Geosfer AG. Der Stein wiegt laut seinen Schätzungen also etwa zwölf Tonnen.

Versteckte Steinkohleschicht überrascht Geologen

«So einen Findling habe ich im Thurgau noch nie gesehen», sagt der Geologe. Zunächst schien er wie ein gewöhnlicher Sandstein. Nachdem er den Findling zur besseren Beurteilung gewaschen und mit einem Hammer vorsichtig eine Schicht abgelöst hatte, kam eine Steinkohlelinse zum Vorschein. In den Alpen gäbe es einige Vorkommnisse von Steinkohle, hier im Thurgau finde man sie eigentlich nicht. «Ich vermute, dieser Findling stammt aus den Voralpen», sagt Naef. Der Geologe schätzt das Alter des Molassesandsteins auf rund 30 Millionen Jahre. Sein Ursprung liege wahrscheinlich in Vorarlberg, im Appenzellerland oder dem Toggenburg, wo solche Sandsteine in grossen Massen vorkommen und teilweise auch Kohlelinsen enthalten. Während der letzen Eiszeit brachte der Rheingletscher zahlreiche Steine ins Mittelland. «Als Erste beschäftigten sich Philosophen mit der Herkunft der Findlinge, und man lernte anhand der Findlinge, wie die Gletscher in der ­ Eiszeit funktionierten», erklärt Peter Schürch, Geologe und ­Geschäftsleiter der Geosfer AG.

Früher standen Findlinge unter Schutz und durften nicht ohne weiteres zerstört oder bewegt werden. Bis weit ins 19. Jahrhundert wurden sie im Thurgau systematisch als Bausteine verwendet. Vor gut hundert Jahren verloren sie ihre Bedeutung – man hatte nun den Beton. Deshalb gelte heute auch kein Schutz mehr, sagt Schürch: «Für die Bauherren ist ein solcher Fund eher lästig.» Kleinere Findlinge werden meist als Gestaltungsobjekte im Aussenbereich verwendet, grössere seien ein Problem. In diesem Fall entschied sich Bauleiter Reto Lardi vom Architekturbüro Lardi + Gmür für eine Sprengung des Steins.

Kommende Woche soll er durch ein spezielles Verfahren zerlegt werden. «Dabei werden Löcher in den Stein gebohrt und mit einer Quellflüssigkeit aufgefüllt», erklärt Simon Greminger. Es entstehen Risse, und der Brocken zerspringt lautlos in kleinere Stücke. «Wegen des Findlings haben sich die Bauarbeiten um einen Tag verzögert.»