Märchen sind ihre Leidenschaft

Die Bäckersfrau Maria Gnädinger erzählte im Bohlenständerhaus Märchen. Die Geschichten passten zwar zu Allerheiligen, waren aber nicht todtraurig.

Trudi Krieg
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Lebhaft erzählte Maria Gnädinger ihre Geschichten. (Bild: Trudi Krieg)

Lebhaft erzählte Maria Gnädinger ihre Geschichten. (Bild: Trudi Krieg)

AMRISWIL. Gäste, welche am Museumssonntag in die Bohlenständer-Stube eintraten, bekamen einen vom Kachelofen erwärmten «Chriesisteisack» in die Hand gedrückt und setzten sich in die Runde um den grossen Tisch. Sie habe Maria Gnädinger an einer Schreibwerkstatt kennengelernt, wo sie Märchen vorlas, berichtete Brigitta Stahel von der Stiftung Bohlenständerhaus bei der Begrüssung. Als Bäckersfrau in Zürich habe diese viele Angestellte geführt, und auch Stewardess sei sie schon gewesen. «Das war in einem früheren Leben», meinte die lebenserfahrene Frau lächelnd. Dann begann sie zu erzählen, und es wurde still im Raum.

Lebensweisheiten der Eule

Tiere im Wald wurden lebendig, eine Eule vor allem, welche die Geschichten, die sie den anderen Tieren erzählte, für die Menschen aufschrieb, bevor sie das Zeitliche segnete. Die Bäckersfrau fand das Buch, und seither erzählt sie auswendig aus einem unerschöpflichen Fundus: russische Legenden, Indianergeschichten, besinnliche Geschichten für Erwachsene – und sobald Kinder zur Zuhörerrunde dazukamen – Kindermärchen. Totenbeinli waren auf dem Tisch und anderes Knabberzeug. Natürlich gab es auch dazu Geschichten um Brauchtum und Sinn.

Im Fluss der Zeit

Die dämmerige Atmosphäre in der dunklen Stube des Bohlenständerhauses liess die Geschichten, welche die ehemalige Bäckersfrau vor dem warmen Ofen so ausdrucksstark zum besten gab, noch lebendiger werden.

Die Geschichte von der Pendeluhr mahnte an die unaufhörlich verrinnende Lebenszeit, und an die Kostbarkeit des Augenblicks. «Was kümmert es mich, was morgen ist? Ich lebe jetzt», sagte in der Geschichte Konrad der Flickschuster zum König, als er mit diesem sein bescheidenes Abendessen teilte.