LESUNG: Die Meisterin des Unspektakulären

An der Eröffnung der Weinfelder Buchtage las Judith Hermann aus ihren Erzählungen «Lettipark». Zwischen der Autorin und dem Publikum entwickelten sich spannende Gespräche.

Manuela Olgiati
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Die Schriftstellerin Judith Hermann signiert. (Bild: Manuela Olgiati)

Die Schriftstellerin Judith Hermann signiert. (Bild: Manuela Olgiati)

«Das Schreiben hat einen therapeutischen Hintergrund», sagt die Berliner Autorin Judith Hermann. Sie hält fest, schreibt auf, was noch unvollkommen ist. Manches kommt in anderen Geschichten und Formen wieder. Wohin führen dann die Geschichten?

Die 47-jährige Judith Hermann sei eine Meisterin des Unspektakulären, heisst es von Kritikern. Ihre Geschichten erzählen von unerfüllten Sehnsüchten. Ihre Protagonisten sind Menschen, die sich nach einer emotionalen Heimat sehnen. Niemand weiss genau, was ist, wenn sie scheitern. Judith Hermann hat bereits Literaturpreise erhalten, einige ihrer Bücher wurden verfilmt. Niemand von den Besuchern im Rathaussaal kritisiert eines der veröffentlichten Bücher von Judith Hermann.

Das Interesse bei den rund 50 Männern und Frauen im Saal ist geweckt. Die Autorin verwickelt das Publikum in ein Gespräch. Nicht sie stellt die Frage nach den Fragen. Sondern sie beginnt ganz ruhig zu erzählen, zum Beispiel weshalb ihr die Geschichte «Gehirn» fremd erschien. Sie frage sich oft, «was darf ich erzählen, was nicht». Die Figuren sind eigenständig und erfunden, sie haben geläufige Namen. Jemand fragt, ob es möglich sei, dass diese plastischen Figuren wiederkehren – in anderen Geschichten, in einem anderen Zusammenhang. Sie verführen den Leser, sich zu beteiligen.

Das Unscheinbare ist wichtiger

Katharina Alder, die Chefin vom Buchladen Klappentext Weinfelden, begrüsste am Freitagabend die Besucher zur Eröffnung der Weinfelder Buchtage im Rathaussaal. Katharina Alder äusserte gleich den Wunsch, dass jedes Jahr solche Buchtage stattfinden sollten. Der Weinfelder Gemeindepräsident Max Vögeli sprach von der kulturellen Vielfalt in Weinfelden und zitierte Tolstoi. Im Dickicht von vielen Büchern finde man im Unscheinbaren die spannendste Literatur, las Autor Peter Stamm einen Text – und nicht, wie viele meinten, im gefüllten Regal von Bestsellern. Den Anfang des dreitägigen Programms der Weinfelder Buchtage mit verschiedenen Autoren machte die Autorin Judith Hermann. Sie las aus «Lettipark» drei spannende Geschichten vor: «Gehirn», «Pappelpollen» und «Manche Erinnerungen».

Wortkarg und einsilbig?

Das neue Buch mit den siebzehn kurzen Erzählungen rührt Konflikte, Fragen und Gefühle an. Etwas einsilbig zwar. Wie empathisch muss dann ein Autor sein, wenn es um Freundschaften, um das Älterwerden, um Kinder ohne Schutz und den langsamen Abschied geht. Manche Geschichten kreisen um den Wunsch nach Zugehörigkeit. Die vielfältigen Lebensläufe beleuchten die Erfahrung und lebendige Vorstellungskraft der Autorin. «Die kleinen Gesprächspausen zwischen dem Lesen verhindern das blosse Aneinanderreihen der Geschichten», sagt Judith Hermann weiter. Still lauschen die Zuhörer. In der Erzählung «Gehirn» erkennt Fotograf Philipp seine Frau nicht wieder. Als sich ihr Kinderwunsch nicht erfüllt, lässt er sich auf eine Adoption ein, aber seine Gefühle bleiben kühl wie der forschende Blick, mit dem er seine Frau betrachtet.

Es ist eine Momentaufnahme, die Judith Hermann in ihrer Erzählung aufleben lässt. Worte und Bilder entstehen, vielleicht ein Neuanfang oder doch nicht. Der Weg dorthin wird der Leser selber erahnen müssen.

Manuela Olgiati

redaktion

@thurgauerzeitung.ch