Leiden und Leidenschaft

Die Kammerphilharmonie Winterthur spielte in der Alten Kirche Responsorien von Gesualdo di Venosa, ein Mozart-Streichquartett und Alfred Felders «De profundis» als Uraufführung.

Heinrich Schlegel
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Die Sängerinnen und Mitglieder des Streichquartetts am Passionskonzert in der Alten Kirche. (Bild: Heinrich Schlegel)

Die Sängerinnen und Mitglieder des Streichquartetts am Passionskonzert in der Alten Kirche. (Bild: Heinrich Schlegel)

Passion bezeichnet einerseits das Leiden von Jesus von Nazareth, der als Unschuldiger gefangen, gefoltert und grausam hingerichtet wurde. Anderseits bedeutet es auch Leidenschaft und leidenschaftlich betriebene Tätigkeit. Beide Bedeutungen kamen am Passionskonzert der Kammerphilharmonie in der Alten Kirche mit rund 50 Zuhörerinnen und Zuhörern zum Ausdruck.

Wie ein Lamm

Martina Hofmann, Sopran und Dorothee Labusch, Mezzosopran, sangen zuerst zwei Responsorien zur Passionszeit von Gesualdo di Venosa. Klagend in allen möglichen Varianten der Barockmusik bis zur Dissonanz wurden die lateinischen Texte «Wie ein Lamm wurde er zur Schlachtbank geführt» und «Meine Seele ist betrübt bis zum Tod» umgesetzt und vom Streichquartett nicht nur begleitet, sondern auch kontrapunktiert.

Sehr expressives Werk Mozarts

Ebenfalls melancholisch klagend, mit Dissonanzen, aber doch melodiös war der erste Satz von Mozarts Streichquartett d-Moll. Das ist ein effektvolles, tiefschürfendes, faszinierendes Werk, reich an wechselnden Stimmungen, leidenschaftlich und sehr expressiv. Es wurde von Martin Bauder und Annette Birkenmeier, Violinen, Mika Kamiya, Viola, und Emanuel Rütsche, Cello, packend und sehr ausdrucksvoll dargeboten.

Das Andante war ein stockendes Schreiten, als ginge jemand durch einen herrlichen Garten und bliebe fast nach jedem Schritt kurz stehen, um etwas zu bewundern.

Das Menuetto klang dramatisch, mit einem fröhlichen Allegretto-Tänzchen im Trio. Der letzte Satz aber begann zwar allegretto, hüpfend, bot dann aber dramatisch-düstere Variationen, wurde schliesslich ruhig und lieblich, endete schnell und schrill.

So schreien Menschen zu Gott

Alfred Felder komponierte zu einigen Sätzen aus dem 130. Psalm eine Kantate, die hier zum erstenmal aufgeführt wurde. Schreien, wimmern, heulen, ächzen, stöhnen von gequälten Menschen, langes, banges Harren und Hoffen auf Gottes Gnade mit sehr unruhiger Seele, das alles war packend, kunstvoll, effektvoll, eindringlich, ausdrucksvoll bis zum Exzess in Musik umgesetzt.

Aufgeregt, schrill, leitete das Streichquartett den «Schrei aus der Tiefe nach Gott» ein, und danach zogen die beiden Sängerinnen wie auch die Musikanten alle denkbaren Register.

Kräftiger Applaus

Keine Variationsmöglichkeit oder Ausdrucksform wurde ausgelassen. Die Sopranistinnen schwelgten in Koloraturen. Das Streichquartett liess nebst dissonanten und atonalen Klängen auch Glissandi und Flagolet-Töne hören. Das Publikum spendete dem Werk kräftigen Applaus.

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