Leere Versprechen – grosser Frust

ARBON. Er hat sich gefreut wie ein Kind – und ist bodenlos enttäuscht worden. Der IV-Rentner Herbert K.*, der unter die Leute kommen und ein Gratisnotebook abholen wollte, ist mit einem Car voll Senioren Rattenfängern auf den Leim gekrochen.

Max Eichenberger
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Herbert K. in seiner Wohnung: Dem IV-Rentner bleibt nur der Frust. (Bild: Max Eichenberger)

Herbert K. in seiner Wohnung: Dem IV-Rentner bleibt nur der Frust. (Bild: Max Eichenberger)

Herbert K. kommt alles wieder hoch. «Der ganze Frust», wie er mit verbittertem Blick am Fenster stehend sagt. Dabei ist der 50-Jährige ein ruhiger, besonnener Mensch. Seit einem Arbeitsunfall ist der gelernte Zimmermann-Polier IV-Rentner. Von einem Tag auf den andern war der Akkordarbeiter aus dem Berufsleben gerissen worden. Sein Leben hat sich einschneidend verändert. Die Scheidung hat der ehemalige Verdingbub aus dem Entlebuch eben erst so langsam verkraftet – dann dieser Unfall.

«Jessie gibt mir Halt»

Seit zehn Jahren lebt Herbert K. in Arbon in einer Blockwohnung. Mit seinem Belgischen Schäferhund Jessie. «Der Hund gibt mir im Alltag Halt. Ich gehe mit ihm regelmässig spazieren. So komme ich etwas heraus aus den vier Wänden.» Mit ihm habe er die Therapiehundeprüfung gemacht, «damit er mich begleiten kann. Ich habe einen Ausweis, so kann Jessie gratis Bahn fahren».

Wegen des lädierten Rückens kann Herbert K. nicht mehr aktiven Hundesport machen, den er so liebt. Sein Radius ist eingeschränkt, damit auch das soziale Kontaktfeld. Die Abwartin sieht manchmal nach ihm. Auch hat er einen freiwilligen Beistand.

Unter Leute kommen

Es würde guttun, wieder einmal unter Leute zu kommen, denkt sich Herbert K., als eine Einladung für eine Fahrt nach Deutschland ins Haus flattert. «In einem schönen Couvert», keine Wurfsendung – er fühlte sich persönlich angesprochen. Zweifel, dass die Einladung unseriös sein könnte, habe er darum nicht gehabt.

«Einen Tag mal weg von zu Hause, auf andere Gedanken kommen, das wäre schön», dachte der IV-Rentner, dem eine weitere Rückenoperation bevorsteht. Auch an beiden Hüften und am Knie wird er sich noch operieren lassen müssen.

Herbert K. hat sich für die Fahrt angemeldet. Die Bestätigung kommt. Und ein neues Notebook solle er gratis mit nach Hause nehmen dürfen. Das alte will ohnehin nicht mehr so recht.

Der IV-Rentner hofft, mit dem neuen Computer wieder in irgendeiner Form Anschluss an die Arbeitswelt zu finden. In diesem Jahr habe er bereits 276 Bewerbungen geschrieben. Wenn er Antwort bekomme, dann nur Absagen.

«Herr K., mit Fug und Recht haben Sie den Status Freund des Hauses redlich verdient!», heisst es im Brief, der ihm neues Glück eröffnen sollte.

Auf ins günstige Euroland

«Ich habe mich gefreut wie ein Kind», erzählt Herbert K., kopfschüttelnd in die trübe Nebelsuppe draussen blickend.

Am Bahnhof ist er der letzte, der zugestiegen ist und dem Buschauffeur die Reisebestätigung aushändigt. Schnell ist ihm an diesem 16. November aufgefallen, dass er der jüngste Teilnehmer ist. Andere freuen sich auf das Gratis- Navigationsgerät, die Brotbackmaschine, das grosse Akku-Sortiment. Und im günstigen Euroland soll eine neueröffnete Filiale eines Fachmarktes angesteuert werden, um bei den Schnäppchenpreisen zuzuschlagen.

Gelandet ist der ältere Schweizer Reisetrupp schliesslich «in einem klapprigen Schopf von einem Restaurant ausserhalb von Konstanz». Das offerierte Frühstück reduziert sich auf ein Brötchen mit einer Scheibe Käse und eine Tasse wässrigen Kaffee.

Wie die Gepickten im Rausch

Dann geht's zur Sache. Noch ist kein Notebook in Sicht, dafür drehen schwadronierende Verkäufer im Stile eines Billigen Jakobs der Seniorenrunde allerlei Sachen an, die vorne auf den Tischen präsentiert werden: Magnetdecken, die Wunder wirken und Schmerzen lindern sollen, glänzendes Besteck, Gesundheitsperlenketten, Schuheinlagen und allerlei Nützliches, um den Gebresten des Alters Paroli bieten zu können. Was tut man schon nicht für die Erhaltung der Gesundheit!

Wedeln mit Gutscheinen

Fleissig werden Kaufverträge unterschrieben, Portemonnaies gezückt. In Phasen der Zurückhaltung fallen plötzlich die Preise. Der Verkäufer wedelt dann mit Rabattgutscheinen – und schon läuft das Verkaufsgeschäft wieder munter an. «Die haben gekauft wie die Gepickten, wie im Rausch», schildert Herbert K.

Er, der Gutgläubige und Enttäuschte, ist nur noch angewidert, geht hinaus eine Zigarette rauchen. Schnell heim kann er nicht; er fühlt sich hier ausgeliefert.

32 Franken für Gratiszmittag

Endlich wird um 13 Uhr das Gratismittagessen serviert. Der Braten ist «spänig, völlig ungeniessbar». Da sei ja jede Militärküche ein Gourmettempel. Alle geben mindestens die Hälfte retour und haben den Rest noch zwischen den Zähnen. Später dann, nachdem die Gruppe nochmals eineinhalb Stunden billigste Anpreisungen über sich ergehen lassen muss, kommt die Serviceangestellte an die Tische und zieht 32 Franken ein für das Gratismittagessen ein.

Zehn weitere Franken gibt Herbert K. an diesem Tag noch aus: für eine Gelenkcrème fürs Knie.

Traumhafter Sommerurlaub

Als ein Verkäufer aus einem Becher ein Zettelchen herauspickt und jubelnd in die allmählich ermattete Menge verkündet, Herbert K. habe einen «traumhaften Sommerurlaub» gewonnen, winkt dieser nur genervt ab – noch ehe ihm der Preis in Form eines Prospektes in die Hand gedrückt wird. Angeheftet ist ein fertig ausgefüllter Einzahlungsschein über 140 Franken. Das sei ja nichts zum Gegenwert des Urlaubes, auf den er sich doch freuen könne! Er würde dieses Voraus-Trinkgeld auch sogleich in bar entrichten können.

Der Tag zerrinnt. Und zerronnen ist längst der Traum vom Notebook. Nicht wie einige andere Teilnehmer mag Herbert K. gar nicht mehr nach dem «Geschenk» fragen. Sie werden stattdessen abgespeist mit einem Säckli harter Guezli und billigen Damenparfums. «Der Car war ein einziger Frust-Kochtopf», erzählt der IV-Rentner. Auch die andern hätten verschämt eingestehen müssen, dass sie Opfer von Rattenfängern geworden seien. Der Chauffeur bekommt keinen Rappen Trinkgeld.

Jetzt geht Herbert K. wieder mit Jessie spazieren. Auf seinen Hund kann er sich verlassen.

*) Name der Redaktion bekannt