Kulturvermittler ohne Räume

ARBON. Sechs Jahre nach dem Abgesang im Xang in der ArtEffekt-Halle steht wieder ein herber Verlust in der Arboner Kulturszene bevor. Der Verein «Kulturläbt» lässt nach zehn Jahren sein Veranstaltungsprogramm im ZiK im Mai auslaufen. Den Veranstaltern kommen die Lokale abhanden.

Max Eichenberger
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Seit März 2007 zu: Der Eingang des einstigen Kultlokals Xang ist verbarrikadiert. Die Halle steht leer, eine Überbauung ist weiter nicht in Sicht. (Bilder: Max Eichenberger)

Seit März 2007 zu: Der Eingang des einstigen Kultlokals Xang ist verbarrikadiert. Die Halle steht leer, eine Überbauung ist weiter nicht in Sicht. (Bilder: Max Eichenberger)

Die Eigentümerin Zik- Immo AG hatte vor einiger Zeit angekündigt, in einer weiteren Etappe auch diesen Teil des ehemaligen Saurer-Komplexes im Städtli sanieren zu wollen. Im Raum stand der Sommer 2013 als Zeithorizont. Zwar schloss man von Vermieterseite die Option nicht gänzlich aus, später den Raum wieder für Kleinkunstveranstaltungen zur Verfügung zu stellen. «Kulturläbt» hatte bis jetzt von günstigen Konditionen profitiert. Nur so konnte der Verein sein Programm finanziell stemmen.

«Ein Schluss ohne Ende»

«Ein Schluss ohne Ende», heisst zweideutig die Ausklangeranstaltung am 4. Mai. «Wir hören zwar auf, lösen den Verein aber nicht auf. Dieser besteht weiter», sagt Vorstandsfrau Helene Bodenmann. Die lang währende Unsicherheit über die Absichten der Eigentümer und damit die Zukunft des «idealen Veranstaltungslokals» zehrte am Durchhaltewillen und erwies sich als Damoklesschwert. «Wenn wir gute Sachen bringen wollen, was stets unser Anspruch gewesen ist, können wir die Künstler nicht erst ein halbes Jahr voraus engagieren.»

So hat letztlich die Planungssicherheit gefehlt. «Proaktiv haben wir in dieser Situation entschieden, aufzuhören.» Zumal sich auch im Vorstand eine gewisse Müdigkeit eingeschlichen hatte. Einer möglichen Vereinsnachfolge stünde Helene Bodenmann mit ihrem Netzwerk jedenfalls als Patin zur Verfügung. Im Moment zeichnet sich allerdings ein Neustart nicht ab.

Xang wurde «abgewürgt»

Schon einmal hatte Arbon eine zugkräftige Event-Location verloren: 2007 die ArtEffekt-Halle mit der Kultbar Xang. Diese Erinnerungen werden wieder wach, weil die Umstände Ähnlichkeiten aufweisen. In Hallen sind Mieter auf Zusehen geduldet. An der Zelgstrasse überliess die AFG unter der damaligen Führung von Paul Gattiker und Theo Bubendorff die ehemalige Forster-Beizerei den ArtEffekt-Leuten um Rolf Städler: «Natürlich nicht gegen eine Marktmiete, sondern zu einem Freundschaftspreis, weil beiden der Sinn danach stand, dieser Art der Kultur eine Chance zur Entfaltung zu bieten», sagt der damalige ArtEffekt-VR-Präsident.

Der Mietvertrag sei befristet gewesen. Der spätere AFG-Konzernchef Edgar Oehler habe ihn dann nicht verlängert. «Man hat uns abgewürgt. Oehler wollte uns dort nicht mehr haben», musste Städler erfahren. Jedenfalls hat sich die Begründung, weshalb die Mieter nicht bleiben könnten, danach als nicht stichhaltig herausgestellt: Die AFG hätte das Areal im Kaufrecht für eine Wohnüberbauung freigegeben. Die Gebäude würden daher innert Jahresfrist abgerissen. Mit dem Neubau sollte im Sommer 2008 begonnen werden.

Noch immer keine Überbauung

Sechs Jahre, nachdem die Xang- Betreiber wehmütig zur Austrinkete geladen und die Scheinwerfer abmontiert hatten, steht die alte Beizerei als Teil der «vereinigten Hüttenwerke», wie sie Oehler bezeichnet hatte, immer noch. Eine Nachfrage bei der AFG ergab, dass die Projektideen eines Stadt-Wohnparks mit drei Wohntürmen, ähnlich hoch wie das Grossenbacher-Hochhaus, nicht mehr aktuell seien. Für nähere Auskünfte wurde an die HRS verwiesen, die auf dem Breitehof-/Zelgareal mit der Entwicklung beauftragt sei.

Geduldete Kultur hat Nachsehen

«Wir geben ein Kind ab, das hoch geflogen ist», bilanzierte ArtEffekt-Chef Städler im März 2007 am Ende einer gut vier Jahre dauernden Erfolgsstory. Das Grounding war allzu vorschnell verordnet worden. Von den Mundartrockern Plüsch über Hazy Osterwald, Dr. Feelgood, Michael von der Heide bis zu Komiker Massimo Rocchi, der die Halle mit 900 Besuchern füllte, gaben sich im Xang viele Aushängeschilder die Klinke in die Hand.

Man habe danach zwar versucht, im Saurer WerkZwei etwas Ähnliches aufzubauen, dann aber den Versuch abgebrochen, weil die Besitzverhältnisse wechselten und alles zu kompliziert geworden sei: «Wenn man mit Leuten spricht, die nicht von hier sind und nicht wissen, was sie gekauft haben, ist man mit kulturellen Anliegen chancenlos.» Vor allem auch dann, wenn Aktionäre im Hintergrund von einer Gesellschaft erwarten, dass sie wertvolle Immobilien zu Gold machen.

Es fehlen die Mäzene und Patrons

Es scheine ganz so, stellt Helene Bodenmann fest, dass die regional verankerten Patrons mit einem Herzen, das für die Kultur schlägt, rar geworden seien. Kultur zu vermitteln ohne Goodwill und Unterstützung von Privaten oder Mäzenen sei nur mehr beschränkt möglich. Hermann Hess in Amriswil sei noch so einer, der Unternehmertum und Engagement für die Kultur zu verbinden wisse, blickt sie neidvoll nach Westen.

Rolf Städler, CEO der Awit-Gruppe, hat nun selber dem Nachwuchs eine Chance eröffnet («Wir sind mittlerweile zu alt dafür»), eine neue Kulturpflanze zu setzen. Als Eigentümer der ehemaligen Bruderer-Fabrikliegenschaft an der Bildstockstrasse hat er den jungen Triebwerk-Kulturveranstaltern die Räume überlassen. Das oft volle Triebwerk zeigt: Unter den Arbonern, und nicht nur den jungen, ist die Nachfrage nach einem solchen Ort gross.

Hamel: Die Stadt ist gefordert

Um die Szene zu beleben, ist nun auch die Stadt Arbon gefordert, dass es nicht bei der blossen Absicht bleibt, im Hamel-Gebäude einen neuen kulturellen Ort zu schaffen. So hatte es der vormalige Stadtammann Martin Klöti angekündigt, nachdem die Stadt den Fabrikkomplex gegenüber dem Bahnhof beim neuen Kreisel von der damaligen OC Oerlikon Saurer erworben hatte. Ein Nutzungskonzept habe zwingend eine solche Lokalität vorzusehen, war 2011 die klar angesagte Vorgabe.

Dies müsste die Stadt mit einem Investor und Erwerber – der möglicherweise HRS sein wird – nun durchsetzen. «Ein Kulturlokal wäre dort sicher am richtigen Ort», findet Helene Bodenmann. «Das würde der Arboner Kultur neue Perspektiven eröffnen.» Das sieht auch Rolf Städler so: «Entwickeln kann sich aber nur bei moderaten Low-Price-Bedingungen etwas. Baut HRS einen <Tempel> und ist die Miete zu hoch, passiert nichts.» Jedenfalls nicht im Sinne eines Erbes von Xang und ZiK.

Weiter unsicher ist, die Zukunft der Kunsthalle an der Grabenstrasse. Die alte Schedler-Halle gehört der Stadt. Über kurz oder lang wird auch dort entwicklungsmässig etwas passieren.

Helene Bodenmann, Kulturläbt

Helene Bodenmann, Kulturläbt

Rolf Städler, Xang-Mitinitiant.

Rolf Städler, Xang-Mitinitiant.