Kultur und Kulinarik als Brautpaar

Es war wohl eine Art «Liebesheirat», die Christoph Sutter und Matthias Brede vom «Hirschen» in Amriswil verbunden hat. Sonst käme die «Sache» nicht so harmonisch daher. Die «Sache» ist ein kuliversischer Abend.

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Es war wohl eine Art «Liebesheirat», die Christoph Sutter und Matthias Brede vom «Hirschen» in Amriswil verbunden hat. Sonst käme die «Sache» nicht so harmonisch daher. Die «Sache» ist ein kuliversischer Abend. Kein Problem, wenn man sich unter dem Wortkonstrukt nicht gleich etwas vorstellen kann. Schliesslich ist es eine Eigenkreation, wie überhaupt der ganze Abend eine Eigenkreation ist.

Die Verbindung zwischen ausgeklügelten Versen und ebenso ausgeklügelter Küche hat schon fast einen exotischen Touch. Dies, obwohl beides aus der Region stammt.

Gesucht und gefunden

Darüber, wie sich das ungewöhnliche «Brautpaar» gefunden hat, wird an diesem Abend nichts erzählt. Es bleibt also viel Raum für Spekulationen.

Ist es einer Bierlaune zu verdanken, oder haben sich zwei gesucht und gefunden, um dem Publikum unvergessliche Stunden zu bescheren? Ein wissendes Lächeln umspielt den Mund von Christoph Sutter. So unwichtig die Frage, wie sie zusammengefunden haben, bei einem richtigen Brautpaar ist, so unwichtig ist sie eigentlich auch hier. Hauptsache ist, dass es zu dieser Gemeinschaft gekommen ist, dass sich beide wohl fühlen damit. Und dass sich das Publikum wohl fühlt damit.

Poesie auf Blatt und Teller

Von weither sind die Gäste teilweise gekommen. Je nach den Blicken, die sie mit Christoph Sutter wechseln, wird schnell klar, ob nun Verse oder das Essen Ausschlag gegeben haben, dass sie hier sind. Der etwas nervöse Verse-Poet geht von Tisch zu Tisch und begrüsst die Gäste. Matthias Brede tut dies kurze Zeit später auf seine Art. Seine Poesie findet sich auf dem Teller wieder: in Form von Sashimi vom Thuna auf Wasabimousseline mit marinierten Kefen.

Waren es kurz vorher noch winterliche Gefilde, in denen die Gäste schwebten, so ist es nun dieses Fest der Sinne, das sich betörend auf das Publikum senkt und für einen Moment geniesserische Ruhe einkehren lässt.

Mit Augenzwinkern

Er habe ein paar Büchlein da, in denen es noch mehr Verse gäbe, sagt Christoph Sutter, bevor er in seinem Ordner blättert und eine zweite Tranche seiner geschmiedeten Worte präsentiert. Und zwischen Reimen und Augenzwinkern geht es ganz ernsthaft zur Sache.

Der Romanshorner Verseschmied verrät, dass es ihm nicht immer leichtfällt, zu dichten und zu reimen. Zwischen Rehconsommé und der glasierten Entenbrust schöpft Christoph Sutter aus dem vollen. So schwierig ist dies nicht, umfasst sein Fundus doch mehrere tausend Verse, die mal aufgrund einer Beobachtung, mal aufgrund eines blossen Gedankens entstanden sind. Aber nicht alle diese literarischen Gedanken sind an diesem Abend mit dabei.

Wie es der Teufel will, fehlen just die Verse, nach denen im edel gedeckten Saal nun dezent verlangt wird. Schliesslich weiss man, was der Romanshorner so alles in der Hinterhand hat. Kaum jemand, der nicht mindestens einmal schon einige der Verse gehört hat.

Was noch niemand hörte

Vor dem kulinarischen Dessert schliesslich der kulturelle Höhepunkt. Jetzt dürfen Publikum und Christoph Sutters Ehefrau wünschen. Letztere mit dem Vorteil, auch jene Verse zu kennen, die den anderen bisher verborgen geblieben sind.

Und so kommen alle in den Genuss von Versen über WC-Bürsten, Klopapierrollen und andere Alltäglichkeiten, die grosse Wirkungen haben können. Das Publikum lacht und freut sich: In dieser feinen Atmosphäre können auch Dinge zur Sprache gebracht werden, die ansonsten als Tischgespräch tabu sind. Bei Sauerrahmtarte und anderen Köstlichkeiten geht es ans Eingemachte.

Der Romanshorner erzählt im persönlichen Gespräch aus dem literarischen «Nähkästchen», und man ist sich einig, die Liaison mit dem «Hirschen» soll noch dauern. Rita Kohn

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