KREUZLINGEN: Marsch überschreitet Grenzen aller Art

Die erste Etappe des «Marsch des Lebens für Israel» führte von der Konstanzer Altstadt bis zum Dreispitz. Die Aktion zum Gedenken an jüdische Schicksale fand grossen Anklang.

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Die Marschierenden passieren den Hauptzoll. (Bild: Leandra Reiser)

Die Marschierenden passieren den Hauptzoll. (Bild: Leandra Reiser)

Hallo, Grüezi und Schalom – mit diesen Worten begrüsste Urs Jundt die zahlreichen Leute, die sich am Ostermontag auf der Marktstätte in Konstanz trafen. Der Auftakt zum «Marsch des Lebens für Israel», der gegen Antisemitismus aufruft, fand vor dem Kaiserbrunnen statt. Zum Gedenken der Tragödie des Holocaust begann man vor über zehn Jahren weltweit mit solchen Märschen. Erstmals führt die Bewegung durch den Thurgau. Doch was ist das Ziel? «Wir wollen erinnern, versöhnen und ein Zeichen setzen», erklärte Jundt, Organisator des Start-Events. Man müsse immer an die Schicksale von Juden erinnern. Dem stimmte der Konstanzer Stadtrat Roland Wallisch zu und fügte an, dass Werte wie Toleranz und Vertrauen aufgrund wieder zunehmender Diskriminierung von Juden wichtiger denn je seien.

Durch den Rathaushof quer durch die Altstadt führte der Fussmarsch vorbei an Häusern, wo man ergreifende Geschichten jüdischer Familien erzählte. Die Marschierenden bildeten ein durchmischtes Publikum: Jung und Alt waren von nah und fern angereist – das Romanshorner Wappen bis hin zur US-Flagge zeugten von der Vielfalt. Musikalisch wurde die Veranstaltung durch israelische Tänze, Geigenspiel und Trompetenklänge untermalt – und durch eine Schweigeminute, die zu Ehren der Holocaustopfer nachdenkliche Stille in die Gassen einkehren liess.

Die Stadt Kreuzlingen half deportierten Juden

«Grenzen aller Art sollen heute überschritten werden», wurde zu Beginn des Marsches angekündigt. Grenzen zwischen Religionen, zwischen Vergangenheit und Gegenwart sowie die Landesgrenze zwischen Deutschland und der Schweiz. Am Hauptzoll rief Jundt in Erinnerung, wie die Stadt Kreuzlingen während des Zweiten Weltkriegs nach Gurs deportierten Juden Hilfe zukommen liess.

An der Gedenkveranstaltung im Dreispitz sprach auch die Kreuzlinger Stadträtin Dorena Raggenbass: «Man darf das Leid von allen Seiten nie vergessen.» Nebst dem organisierenden Versöhnungs- und Gebetsdienst Verein Abraham wurde der Event durch Reden seitens «Gebet für die Schweiz» und der Israelwerke Schweiz unterstützt. Nachfahren wurden mitunter ermutigt, das Schweigen über Naziverbrechen ihrer Vorfahren zu brechen und einander zu vergeben. Dass an die Schicksale des Holocaust immer wieder neu erinnert werden müsse, unterstrichen zum Schluss die bewegenden Erzählungen einer Zeitzeugin, die die Deportation nach Gurs überlebte: «Wir reden für die, die nicht mehr reden können.»

Leandra Reiser

kreuzlingen@thurgauerzeitung.ch