KREUZLINGEN: "Man hat Schwachpunkte gesucht"

Den schriftlichen Test hat er bestanden, bei der mündlichen Prüfung fällt er durch: ein 29-jähriger Deutscher wehrt sich gegen die Ablehnung seines Einbürgerungsgesuchs.

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In Kreuzlingen führt der Weg zum Schweizer Pass nicht an der Einbürgerungskommission vorbei. (Bild: Michel Canonica)

In Kreuzlingen führt der Weg zum Schweizer Pass nicht an der Einbürgerungskommission vorbei. (Bild: Michel Canonica)

Martina Eggenberger Lenz

 

Der Fall der Türkin Funda Ylmaz, deren Einbürgerung in Buchs abgelehnt wurde, hat bei einem 29-Jährigen Kreuzlinger Erinnerungen hervorgerufen. Die junge Frau aus dem Aargau war bekanntlich am Einbürgerungsgespräch gescheitert. Das Gleiche ist dem Deutschen Jungunternehmer passiert. Auch er ist durch die mündliche Prüfung gefallen, nachdem er den schriftlichen Test bestanden hat, wie "20 Minuten" berichtete. In Kreuzlingen diente die mündliche Befragung – anders als im Fall Ylmaz, wo es um die Beurteilung der Integration ging – bis vor kurzem der Überprüfung der Kenntnisse über die örtlichen Begebenheiten. Die Kandidaten werden zu Geografie, Politik, Geschichte, Arbeit sowie Gesellschaft und Kultur befragt.
 

Der Kandidat wusste nicht, wer im Stadtrat sitzt

Knapp 45 Minuten musste der junge Mann vor einem Jahr der neunköpfigen Kommission Red und Antwort stehen. Nach eigenen Angaben hat er sich auf das Gespräch nicht speziell vorbereitet, zumal er sich hier perfekt integriert fühlt, akzentfrei Mundart spricht und seit Jahren eine eigene Firma betreibt. "Ich war mir schon bewusst, dass an einem solchen Gespräch blöde Fragen gestellt werden. Was aber passiert ist, ist eine Sauerei. Man hat gezielt meine Schwachpunkte gesucht und ist auf ihnen herumgeritten." Der Kreuzlinger, der seit seiner Jugend in der Stadt wohnt und sich hier zu Hause fühlt, hat unserer Zeitung das Tonprotokoll des Einbürgerungsgesprächs zukommen lassen. Aus diesem geht hervor, dass er tatsächlich einige Fragen nicht beantworten konnte. Der Bewerber konnte beispielsweise nicht alle Stadträte nennen, Exekutive und Legislative nicht zuordnen, scheiterte an der Nennung aller Museen vor Ort oder brachte die katholischen und reformierten Kirchen durcheinander. Vieles hat er aber auch gewusst. Er konnte Läden an der Löwenstrasse aufzählen, nannte die örtlichen Schulen und wusste die aktuellen Diskussionsthemen. Hänger hatte der Kandidat in erster Linie bei der Orts- und Staatskunde.

Trotz der Wissenslücken wurde aber deutlich, dass er mit den lokalen Begebenheiten sehr wohl vertraut ist. In manchen Situationen wusste der Bewerber offensichtlich sogar mehr als einige Kommissionsmitglieder. Der Vater und jüngst auch der Bruder sind bereits eingebürgert. Die Eidgenössische Einbürgerungsbewilligung lag auch beim 29-Jährigen vor. Der Mitschnitt des Gesprächs offenbart weiter, dass der Deutsche dem System nicht unkritisch gegenüber steht. Auf die Frage, was er in Kreuzlingen ändern würde, sagt er, er wünsche sich, dass die Stadt Aufträge nicht mehr unter der Hand vergeben würde. Die Kommission geht nicht auf die Aussage ein. Aber sie fällt einen negativen Entscheid. Der Gesuchsteller fühlt sich schikaniert und reicht Rekurs ein. Das Verfahren ist noch hängig.
 

Die Kommission stimmt über fünf Teilgebiete ab

Dass der Mann nun die Öffentlichkeit sucht, ist eine schwierige Situation für die Vertreter der Einbürgerungskommission. Deren Präsident Michael Stahl sagt: "Es ist unfair. Wir sind an die Schweigepflicht gebunden." Stahl betont, dass die grosse Mehrheit der Kandidaten die mündliche Prüfung bestehe. Dieses Jahr seien bis jetzt 2 von 54 durchgefallen, letztes Jahr 3 von 37.

Ein Kandidat erhalte eine negative Empfehlung, wenn er in drei von fünf Themengebieten ein ungenügendes Resultat bekomme. Die Kommission stimmt über die Beurteilung jedes Themenfeldes ab, die Mehrheit entscheidet. Wer durch die Prüfung falle, der könne den Einbürgerungsantrag zurückziehen und einen neuen stellen, Rekurs machen oder mit einer negativen Empfehlung zur Abstimmung in den Gemeinderat gehen. Der Gemeinderat folgt in der Regel der Empfehlung der Kommission, in der alle Fraktionen vertreten sind.