KREUZLINGEN: Keine Eile im Glockenstreit

Trotz anderweitiger Abmachung schlägt die evangelische Stadtkirche nachts weiter zur Viertelstunde. Ein Bundesgerichtsurteil bestärkt die Reformierten in ihrer Haltung.

Urs Brüschweiler
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Das Geläut der Stadtkirche ist schwierig neu zu programmieren. (Bild: Nana do Carmo)

Das Geläut der Stadtkirche ist schwierig neu zu programmieren. (Bild: Nana do Carmo)

Urs Brüschweiler

urs.brueschweiler@thurgauerzeitung.ch

Eigentliche wäre Ruhe eingekehrt. Und zwar in doppeltem Wortsinn. Nach den Lärmklagen von einzelnen Kreuzlingern, die sich vom nächtlichen Geläut der drei grossen Kirchen der Stadt gestört fühlen, wurde eine Kompromisslösung gefunden. Seit 1. September sollen die Glocken von St. Ulrich, St. Stefan und der evangelischen Stadtkirche nächtens zur Viertelstunde schweigen und das Morgengeläut erst um 7 statt um 6 Uhr stattfinden. Darauf hatten sich die beiden Kirchgemeinden, die gestörten Anwohner und die Stadt Kreuzlingen im Sommer verständigt (unsere Zeitung berichtete). Die Klagen wurden gemäss dieser Abmachung zurückgezogen, erklärt Stadtrat Ernst Zülle.

Doch vom Tisch ist die Geschichte damit noch nicht. Denn während der Kompromiss bei beiden katholischen Kirchen umgesetzt wurde, schlägt die Glocke der evangelischen Stadtkirche derzeit noch munter weiter. Die technische Umsetzung gestalte sich schwierig, erklärt Kirchenpräsident Thomas Leuch.

Präzedenzurteil des Bundesgerichts

Ein aktuelles Urteil des Bundesgerichts verändert zudem die Ausgangslage. Im zürcherischen Wädenswil dürfen die Glocken gemäss höchstrichterlichem Entscheid weiterhin nächtens zur Viertelstunde schlagen. «Dieses Urteil bedeutet für Kreuzlingen nicht automatisch eine neue gesetzliche Grundlage», relativiert Ernst Zülle. Die Situation sei nicht zwingend vergleichbar. Es sei aber sicher so, dass die Kirchgemeinden damit einen starken Trumpf im Ärmel hätten, sollte es in Kreuzlingen auch zu einer gerichtlichen Auseinandersetzung kommen. «Sie würden sicher am längeren Hebel sitzen.» Dass es soweit komme, sei aber überhaupt nicht im Sinne der Stadt. «Unser Ziel war es, eine Einigung zu erzielen ohne den Richter», sagt Zülle. Das habe man ja eigentlich auch erreicht. Deshalb hofft der Stadtrat nun – und Zülle geht auch davon aus – dass die evangelische Kirchgemeinde das Abkommen auch noch umsetzt. «Das wäre auch fair.» Andernfalls bestehe das Risiko, dass sich die Bewohner erneut wehren.

Die Reformierten sehen sich nicht im Zugzwang

Man werde sich sicher an die Abmachung halten, sagt der katholische Kirchenpräsident Beat Krähenmann. Zumindest, bis man Klarheit habe, in welche Richtung sich die Sache entwickle. Sein evangelischer Amtskollege Thomas Leuch sieht sich spätestens nach dem Urteil jedoch gar nicht unter Druck, am Status Quo sofort etwas zu ändern. Das Uhrwerk der Stadtkirche sei alt und denkmalgeschützt. Er warte zudem immer noch auf eine Offerte einer Spezialfirma. Und ob er einen entsprechenden Kredit, bei der Kirchgemeindeversammlung durchbringen würde, sei zudem fraglich. Die Meinungen zu dem Thema seien ziemlich klar, die Tradition soll erhalten bleiben.