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KREUZLINGEN: «Jetzt kommt die ganze Welt zu mir»

Der Verein Agathu organisiert in Kreuzlingen fünf Tage die Woche einen Kaffeetreff für Flüchtlinge. Hier können sie kostenlosen Kaffee trinken, Brettspiele oder Karten spielen und ins Internet gehen. Katharina Brenner (Text) und Andrea Stalder (Fotos) waren einen Nachmittag lang dort.
Dominique Knüsel leitet den Kaffeetreff in Kreuzlingen. (Bild: Andrea Stalder (Andrea Stalder))

Dominique Knüsel leitet den Kaffeetreff in Kreuzlingen. (Bild: Andrea Stalder (Andrea Stalder))

KREUZLINGEN. Rund 60 Männer zwischen 20 und Mitte 30 sitzen an diesem Montagnachmittag im Februar an den Holztischen. Die meisten halten eine Tasse in der Hand, aus der Kaffee dampft. Manche unterhalten sich – leise. Trotz der vielen Menschen im Raum ist es nicht laut. Draussen fährt ein Zug vorbei. Der Kaffeetreff für Asylbewerber in der Freiestrasse in Kreuzlingen liegt direkt neben der Fussgängerbrücke über die Gleise.

Organisiert wird er von Agathu, einem Verein, der sich für Flüchtlinge einsetzt. Agathu finanziert sich hauptsächlich durch Spenden von Privatleuten und der Kirche, aber auch Serviceclubs, Frauenorganisationen, eine Stiftung, Stadt, Kanton und Bund beteiligen sich. Der Verein hat rund 130 ehrenamtliche Mitarbeiter. Das Interesse sei gross, sagt Präsident Karl Kohli. Der 76-Jährige war Mathematiklehrer am Lehrerseminar Kreuzlingen. «Die Menschen möchten gerne helfen.»

Zu ihnen gehört auch Dominique Knüsel. Die 49-Jährige aus Schönholzerswilen leitet den Kaffeetreff. Als Landwirtin könne sie kaum reisen, sagt sie. «Aber jetzt kommt die ganze Welt zu mir.» Sie steht hinter der Theke neben der Tür und schenkt mit anderen Helfern Kaffee aus. Der Kaffeetreff hat Montag bis Freitag von 13.45 Uhr bis 16.45 Uhr geöffnet. Der Verein hat dafür eine 20- und eine 50-Prozent-Stelle geschaffen. Daneben wechseln sich rund 100 Freiwillige mit der Betreuung der Gäste und des Internetzugangs ab.

Warten auf das Internet

In einem Raum nebenan stehen sechs Computer. Jeder Gast darf für einen Franken das Internet 25 Minuten lang nutzen. Vor jedem Bildschirm steht ein junger Mann. Dahinter warten weitere junge Männer.

Durchschnittlich besuchten jeden Tag 80 Gäste den Kaffeetreff, sagt Präsident Kohli. Die Asylsuchenden würden den Kaffeetreff auch «Mama Afrika» nennen. Manchmal seien es 50, an anderen Tagen 140. Seit dem vergangenen Jahr baut der Verein sein Angebot aus. Neben dem Kaffeetreff gibt es Deutschkurse für Erwachsene, eine Kinderbetreuung und Angebote wie Fussballturniere, Wanderungen oder internationale Dinner, bei denen Flüchtlinge Speisen aus ihren Heimatländern zubereiten – alles kostenlos.

Einige der Männer im Raum schauen aus dem Fenster oder auf die Bilder an den Wänden. Flüchtlinge haben sie gemalt: Mandalas, arabische und persische Schriftzeichen, die Schweizer und die afghanische Fahne – schwarz-rot-grün gestreift.

Im hinteren Teil des Raums spielen zwei Männer Carambole, ein Brettspiel aus Sri Lanka, ihrer Heimat. Es ist eine Art Billard, das mit den Fingern gespielt wird. R. Sangar und V. Vipushanan sprechen gebrochenes Englisch. Sie sind 18 und 33 Jahre alt und Tamilen. Vor einem Monat sind sie in Kreuzlingen angekommen. Yes, very much würde es ihnen hier gefallen. Sie möchten gerne bleiben.

Flucht vor Terror in Nigeria

Das sagen auch die zwei Männer am Nachbartisch. Die Brüder möchten ihre Namen nicht in der Zeitung lesen. Sie sind 21 und 23 Jahre alt und kommen aus Nigeria. Von dort seien sie mit einem der Flüchtlingsboote nach Europa gekommen. «Ich habe auf der Flucht einen Freund verloren», sagt der Jüngere auf Englisch. Ob sie in der Schweiz bleiben dürfen, wissen sie noch nicht. Sie würden gerne. In Nigeria gebe es keine Jobs und Boko Haram terrorisiere das Land. Die Brüder sehen für sich keine Zukunft in Nigeria.

Sie sind erst seit zwei Wochen in Kreuzlingen, doch es ist nicht ihr erster Besuch im Kaffeetreff. Sie kommen hierher, sagen sie, um etwas anderes zu sehen, weil der Kaffee schmeckt und sie das Internet nutzen können.

Viele der Gäste leben im Empfangszentrum in Kreuzlingen. Sie wissen nicht, ob sie in der Schweiz bleiben dürfen oder wie lange sie noch hier sind. Auch Asylbewerber aus anderen Thurgauer Gemeinden, aus Salenstein, Weinfelden oder Tägerwilen, besuchen den Kaffeetreff.

Gibt es Wünsche oder Bedürfnisse, die viele Flüchtlinge teilen? Sie seien erst einmal froh, dass sie endlich angekommen sind, sagt die Leiterin des Kaffeetreffs, Dominique Knüsel. «Sie sind sehr dankbar, wenn sie wie Menschen behandelt und freundlich empfangen werden.» Woher die Flüchtlinge kommen, ändere sich immer wieder. Derzeit kämen viele aus Nordafrika und Eritrea.

Drei Mädchen aus Afghanistan

Am späten Nachmittag betreten drei Mädchen den grossen Raum des Kaffeetreffs. Sie setzen sich an einen Tisch unweit des Eingangs. Zwei von ihnen tragen dunkle Kopftücher. Das dritte Mädchen, das ein weisses Kopftuch mit grauen Punkten trägt, spricht Englisch und übersetzt, was ihre Freundinnen sagen. Sie heisst Fatima Raufi, ist 15 Jahre alt und mit der Familie ihrer Freundinnen, Parisa und Atosa Nazari, 14jährige Zwillinge aus Afghanistan, in die Schweiz geflohen. Zwei Monate am Stück seien sie gelaufen. Das war vor vier Wochen.

Den Kaffeetreff besuchen sie und ihre Freundinnen gerne, sagt Raufi. In ihrer Unterkunft sei es sehr eng. Sie vermisse zwar ihre Familie, aber sie sei froh, hier zu sein. In Afghanistan konnten die Mädchen keine Schule besuchen, sagt sie.

Im Kaffeetreff in Kreuzlingen spielen Flüchtlinge Carambole. (Bild: Andrea Stalder (Andrea Stalder))

Im Kaffeetreff in Kreuzlingen spielen Flüchtlinge Carambole. (Bild: Andrea Stalder (Andrea Stalder))

Eine grosse Friedensfahne hängt im Raum. (Bild: Andrea Stalder (Andrea Stalder))

Eine grosse Friedensfahne hängt im Raum. (Bild: Andrea Stalder (Andrea Stalder))

Fatima Raufi und Atosa Nazari kommen aus Afghanistan. (Bild: Karl Kohli)

Fatima Raufi und Atosa Nazari kommen aus Afghanistan. (Bild: Karl Kohli)

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