KREUZLINGEN: «In Jeans wurde man komisch angeschaut»

Die Gemeinderäte kamen früher in Anzug und Krawatte an die Sitzung. Das ist nicht die einzige Veränderung, die Bruno Rieser während 22 Jahren miterlebt hat. Der 64-jährige SVP-Mann tritt nun zurück.

Nicole D’orazio
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Bruno Rieser steht vor dem Rathaus in Kreuzlingen, wo der Gemeinderat jeweils Sitzung hat. (Bild: Andrea Stalder)

Bruno Rieser steht vor dem Rathaus in Kreuzlingen, wo der Gemeinderat jeweils Sitzung hat. (Bild: Andrea Stalder)

Nicole D’Orazio

nicole.dorazio

@thurgauerzeitung.ch

Bruno Rieser gehört seit 22 Jahren dem Kreuzlinger Gemeinderat an und ist damit das amts­älteste Mitglied. Nun hat er seinen Rücktritt per 15. April eingereicht. Damit war die Sitzung am vergangenen Donnerstag seine letzte.

Bruno Rieser, haben Sie auf einmal genug von der Politik, dass Sie so plötzlich aus dem Gemeinderat zurücktreten?

Nein, aber ich würde zu viel fehlen. Zusammen mit meiner Frau habe ich Reisen geplant. Uns zieht es für mehrere Wochen nach Osteuropa. Ich würde so drei oder vier Sitzungen des Rates verpassen und auch einige Termine in der Kommission Werke, Bau und Umwelt. Das will ich nicht.

Sind Sie sich bewusst, dass Sie im aktuellen Gemeinderat am längsten mit dabei sind?

Ja. Vor zwei Jahren war ich für wenige Minuten Alterspräsident bei der Wahl des neuen Präsidenten. Ich hätte nie gedacht, dass mir das mal passiert.

Haben Sie eine so lange Karriere angestrebt?

Nein. Das hat sich so ergeben. Ich sagte mir immer, dass ich so lange weiter mache, wie mir die Arbeit gefällt. Nun setze ich neue Prioritäten. Ich möchte mehr Zeit mit meiner Familie verbringen und so lange Reisen unternehmen, wie ich gesund bin.

Wurden Sie mal abgewählt?

Nein. Zum Glück nicht. Ich erzielte immer in etwa gleich viele Stimmen. Wäre ich abgewählt worden, wäre das Thema für mich erledigt gewesen.

Erinnern Sie sich an den Start Ihrer politischen Karriere?

Das geschah zufällig. Ein Bekannter hatte mich angefragt, ob er mich auf die Kantonsrat-Liste der damaligen Autopartei nehmen dürfe. Ich wurde nicht gewählt, erhielt jedoch viele Stimmen. Nach zwei Jahren rückte ich plötzlich nach und war sechs Jahre Mitglied des Grossen Rates. Ich hörte damals auf, weil der Zeitaufwand zu gross wurde.

Und der Gemeinderat kam danach? Die meisten machen es eher umgekehrt.

Das stimmt. Die Autopartei, welche später zur Freiheitspartei wurde, motivierte mich, auch auf Lokalebene zu politisieren. Es freute mich, dass ich auf Anhieb gewählt wurde. Der Gemeinderat war für mich auch wie eine andere Welt, wo ich mich vom beruflichen Alltag erholen konnte. Das will aber nicht heissen, dass ich nichts gemacht habe. (lacht) Ich war zum Beispiel zwölf Jahre Präsident der Geschäftsprüfungskommission. Ich trat dabei allerdings nicht in den Vordergrund beim Schaulaufen einer Sitzung, wie ich das nenne. Ich bevorzugte es, im Hintergrund zu arbeiten.

Wie hat sich der Gemeinderat in den 22 Jahren verändert?

Früher war es normal in Anzug und Krawatte an die Sitzung zu kommen. In Jeans wurde man komisch angesehen. Damals war der Rat auch elitärer. Das heisst, dessen Mitglieder waren bekannte Persönlichkeiten, zum Beispiel Unternehmer. Ich kann mich auch noch gut an die Diskussionen erinnern, als der Stadtrat von sieben auf fünf Mitglieder verkleinert wurde. Oder als einer ausrief, weil die Verwaltung mehr als hundert Angestellte hatte.

Und welche Veränderungen sehen Sie in der Stadt?

Zum Glück hat sich die Einwohnerzahl nicht verdoppelt wie die Anzahl Verwaltungsangestellte. Ansonsten hat sich Kreuzlingen weniger verändert als kleinere Gemeinden. Will eine Stadt wachsen, braucht es Industrie. Aber dafür haben wir kein Land. Schön ist, dass nun ein Stadthaus gebaut wird. Das war während meiner ganzen Zeit im Gemeinderat ein Thema.

Wie stehen Sie als SVP-Mitglied zum hohen Ausländeranteil von über 50 Prozent?

Kreuzlingen ist eine Grenzstadt. Es lebten schon immer viele Ausländer hier. So lange sich diese integrieren, stören sie mich nicht. Der frühere Stadtammann Josef Bierei hatte mich mal ausgelacht, als ich sagte, dass in Kreuzlingen die Schweizer irgendwann in der Minderheit sein werden.

Was stört Sie an der städtischen Politik?

Die ewige Planerei und dass dafür so viel Geld ausgegeben wird. Das Sicherheitsreglement oder einige Baurechtsverträge sind Beispiele dafür. Manchmal frage ich mich, ob die Verwaltung effizient arbeitet. Und für alles muss der Stadtrat eine Studie machen und sich doppelt absichern. Ich würde mir wünschen, er würde mal etwas riskieren und direkt entscheiden. Es gehört zum Los eines Politikers, dass er es nicht allen recht machen kann.

Wo sehen Sie das grösste Problem in Kreuzlingen?

Der Verkehr. Er wird immer mehr. Man sollte ihn deswegen nicht bremsen, sondern rollen lassen. Daher habe ich – neben den Sicherheitsaspekten – gegen das Projekt Romanshornerstrasse gekämpft. Man kann nicht sagen, dass man auf dem Boulevard weniger Autos will und gleichzeitig die Hauptachsen für die Autofahrer unattraktiver machen. Irgendwo müssen die Autos durchfahren.

Haben Sie dafür einen Lösungsansatz?

Einen unterirdischen Transit vom Seepark bis nach Bottighofen – auch wenn das sehr kostspielig wäre und lange dauern würde.