KREUZLINGEN: «Ich konnte der Stadt etwas geben»

Nach zehn Jahren im Amt hat Andreas Netzle gestern sein Büro im Stadthaus verlassen. Im Abschiedsinterview spricht der scheidende Stadtpräsident über Volksnähe, Parteipolitik und Einkaufstourismus.

Urs Brüschweiler
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Der erfolgreichste Tag: Am 27. November 2016 kann sich Stadtpräsident Andreas Netzle freuen, dass das Stadthaus-Projekt die Volksabstimmung überstanden hat. (Bild: Andrea Stalder)

Der erfolgreichste Tag: Am 27. November 2016 kann sich Stadtpräsident Andreas Netzle freuen, dass das Stadthaus-Projekt die Volksabstimmung überstanden hat. (Bild: Andrea Stalder)

Urs Brüschweiler

urs.brueschweiler@thurgauerzeitung.ch

Andreas Netzle, in den letzten Tagen und Wochen wurden Sie sicher bereits an vielen Orten als Stadtpräsident verabschiedet. Gab es eine besonders treffende Würdigung Ihrer Amtszeit?

Es gab einige offizielle Anlässe und Würdigungen. Aber ich hatte auch viele persönliche Kontakte mit Leuten, die sich bei mir bedankt haben. Beides ist für mich gleich viel wert und schön, weil es zeigt, dass meine Arbeit geschätzt wurde. Mich freuen alle Reaktionen gleichermassen.

Gab es ein Ereignis oder Thema in den zehn Jahren, das für Sie aus der Masse herausragt?

Das ist natürlich das Stadthaus. Wir hatten im Stadtrat schon früh diese Pendenz aufgenommen und uns vorgenommen, es zu realisieren. Vor zehn Jahren dachten wir, in fünf Jahren steht es. Jetzt ist es doppelt so lange gegangen. Es war ein schwieriger Weg, aber der positive Volksentscheid von 2016 sticht natürlich von der Bedeutung her aus meiner Amtszeit heraus. Es geht dabei aber nicht nur um den reinen Bau, sondern um die städtebauliche Bedeutung, die Entwicklung und Stärkung des Zentrums, die damit zusammenhängt.

Sie wurden bei Ihrer ersten Wahl 2006 von einer Gruppe namens «Aufbruch Kreuzlingen» unterstützt. Dieser gewünschte Aufbruch ist letztlich sehr zäh vorangekommen.

Wenn man alles zusammenzählt hat sich doch einiges entwickelt. Angefangen beim Boulevard: der wird sich etablieren und in ein paar Jahren sind alle happy, dass er ist, wie er ist. Es braucht halt alles sehr viel Zeit. Mehr Zeit als man sich vorstellt, wenn man nicht in der hiesigen Politik heimisch ist. Ich bin aber überzeugt, dass auch das Schwimmbad noch gebaut werden wird. Und auch der Bushof wird neu gestaltet werden. Am Schluss haben wir genau das «Xentrum», das wir am Anfang wollten. Es dauert halt nur viel länger.

Ist das ein Kreuzlinger Problem?

Nein. Es ist klar, dass Projekte der öffentlichen Hand länger dauern als in der Privatwirtschaft, weil alle mitreden können und es viele Instanzen gibt. Das ist das Wesen unseres politischen Systems. Ich habe keinen direkten Vergleich mit andern Städten, aber vielleicht laufen die Dinge in Kreuzlingen tatsächlich eine Spur zäher.

Woran liegt das?

Ich weiss nicht, woher dieser kritische Geist kommt. Das fragen sich auch Ur-Kreuzlinger. Aber es hat Tradition in Kreuzlingen.

Haben Sie sich an den vielen Verzögerungen etwas aufgerieben? Waren sie mit ein Grund, warum Sie nicht bis zur Pensionierung weitermachen wollten?

Ich hatte mir schon bei Amtsantritt vorgenommen, nicht bis zur Pensionierung im Amt zu bleiben. Weil ich der Überzeugung bin, dass es nach einer gewissen Zeit neue Leute braucht. Nicht weil man ausgebrannt wäre, sondern weil ein Wechsel einfach gut tut. Und zwar sowohl dem Amt, als auch mir persönlich.

Mit welchem Gefühl gehen Sie aus dem Stadthaus? Ist es auch eine Befreiung?

Nein, ich wüsste nicht wovon. Ich habe diese spannende Arbeit sehr gern gemacht, bis zum letzten Tag. Ich glaube, ich konnte der Stadt etwas geben. Insgesamt befindet sich Kreuzlingen heute in einem wirklich guten Zustand. Ich muss mich also nicht befreien, sondern kann mit gutem Gewissen und erhobenen Hauptes den Schlüssel übergeben.

Vor Ihrer ersten Wahl war Ihre Parteilosigkeit das Erfolgsrezept. Danach war dies Ihr grösstes Problem. Teilen Sie diese Auffassung?

Gewissen Parteien war das natürlich ein Dorn im Auge, dass sie selber nicht mehr im Stadtrat vertreten sind. Dass sie alles daran setzten, diesen Mangel wieder zu beheben, ist verständlich. Aber es ist schade für die Stadt, weil es viel um Persönliches ging, statt um die Sache. Aber das ist der Weg, der in der Politik leider oft beschritten wird.

Wie schätzen Sie den Verlauf des Wahlkampfs um Ihre Nachfolge ein?

(schmunzelt) Die Parteien schauen in den eigenen Reihen, in der Fraktion, ob sie jemand Geeignetes finden. Aber ob sich allenfalls etwas Ähnliches ereignet wie vor elf Jahren, als eine Gruppe sagte, diese Auswahl genügt uns nicht, und eine Alternative sucht, bleibt abzuwarten. Möglich ist es.

Würden Sie wieder auf einen Parteibeitritt verzichten, wenn Sie noch einmal zurückgehen könnten?

Ja, ich würde es wieder genau gleich machen. Ich habe meine Prinzipien und Überzeugungen.

Man macht Ihnen manchmal den Vorwurf, zu wenig volksnah zu sein. Trifft Sie das?

Nein. Ich bin ich. Es wäre falsch, wenn ich etwas vorspielen oder mich anbiedern würde. Ich finde, ich bin bei der Bevölkerung gut angekommen. Ich bin schliesslich dreimal im ersten Wahlgang mit guten Resultaten gewählt worden. Ich setzte nicht auf die Quote. Bei mir weiss man, wofür ich stehe und welche Ziele ich verfolge. Wenn ich dabei etwas distanziert wirke, dann ist es eben so.

Der hohe Ausländeranteil und die Belastung durch das Empfangszentrum sorgen in Kreuzlingen selten für negative Schlagzeilen.

Ich hatte mich stets bemüht, diese Themen nicht zu dramatisieren. Ich wollte aufzeigen, dass wir eigentlich sehr gut leben mit dieser Situation. In anderen Gemeinden oder Städten hätte man ein viel grösseres Theater darum gemacht. Natürlich erhielt ich immer wieder Briefe, und es gibt Stimmen, die alle Ausländer weghaben wollen. Dass diese aber keine Wirkung entfalten, hat schon auch damit zu tun, wie wir mit diesem Thema umgegangen sind. Dass die Situation aber so problemlos ist, wie sie ist, ist nicht ein Verdienst des Stadtrates, sondern der Bevölkerung. Das ist ein Wert, den wir haben und dem wir Sorge tragen müssen. Es ist aber auch eine sehr schöne Tradition in Kreuzlingen.

Gegen den Einkaufstourismus kann aber auch ein Stadtpräsident nicht viel ausrichten.

Nein. Wir sind Opfer dieser Entwicklung und können nur ver- suchen, politisch auf ein paar störende Rahmenbedingungen Einfluss zu nehmen. Die Auswirkungen sind zwar für den Handel stark spürbar, aber letztlich gibt es derzeit am Boulevard zwei, drei leere Lokale. Das gibt es in jeder mittleren Stadt. Es füllen sich auch immer wieder Ladenlokale, und das stimmt zuversichtlich.

Neuerdings gibt es einen Hanfshop direkt neben dem Stadthaus.

Ja. Ich finde das toll. Das zeigt doch unsere Vielfalt. Man muss davon abkommen, zu meinen, es könne im Zentrum nur die klassischen Fachgeschäfte geben. Die Gesellschaft verändert sich, die Innenstädte ändern sich, die Ursachen dafür haben wir selber geschaffen. Wir müssen nun schauen, dass die Zentren belebt bleiben. Warum also nicht einen Hanfshop?

Sie hatten gestern Ihren letzten Tag bei der Stadt und fangen nun als Kommunikationsleiter bei der der HRS Real Estate in Frauenfeld an. Wird man Sie dennoch weiter in Kreuzlingen antreffen?

Ich freue mich darauf, mich an der Bundesfeier im Besmer in einem grösseren Rahmen verabschieden zu können. Am nächsten Tag setze ich dann aber den neuen Hut auf, oder in diesem Fall den orangen Bauhelm. Ich werde in unserer schönen Stadt wohnen bleiben und das Geschehen weiter, aber still, verfolgen.